Nachtgesicht
Jenny Erpenbecks beeindruckende «Geschichte vom alten
Kind»
Ein Mädchen wird aufgefunden, nachts, auf leerer Strasse. Es ist gross, dick, seine Gestalt ähnelt der eines Holzklobens, und sein Gesicht «sieht aus wie ein Mond, auf dem Schatten liegen». Vierzehn Jahre alt will es sein, sonst weiss es nichts von sich: «Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde.» Man bringt es in ein Kinderheim mit angeschlossener Schule, wo es ihm unter Einsatz einer peinvoll geringen Auffassungsgabe und mit Hilfe seiner monströsen Fremdartigkeit alsbald gelingt, einen der unteren Plätze in der internen Hierarchie zu belegen, «womöglich sogar den untersten [. . .], dessen Ansprüchen es auf jeden Fall wird standhalten können».
Im Sington der Psalmen
Im Sington der Psalmen, der später weitgehend einem rhythmisch bewegten Protokollstil Platz macht, hebt die Geschichte dieses sonderbaren Geschöpfes an: eine Geschichte, deren Wirkung ungeachtet aller sinnlichen Konkretionen und realistischen Versatzstücke die eines symbolischen Märchens ist. Denn sie korrespondiert nicht wirklich (wenn, dann zufällig) mit dem äusseren Leben, sondern treibt metaphorische Stacheln durch die Seelenhaut des Lesers, bis hinunter zum kollektiven Grund seiner Angst, der Angst des «alten Kindes», erwachsen sein zu müssen: sich zu behaupten und zu bewähren, zu verletzen und selbst verletzt zu werden.
Die Verfasserin der Geschichte heisst Jenny Erpenbeck. Sie wurde 1967 in Ostberlin geboren, studierte Musik- und Theaterwissenschaften und lebt heute als freie Opernregisseurin in der Nähe von Graz. Vor fünf Jahren hat sie sich einer Art Selbstversuch unterzogen und ist für einige Wochen als Siebzehnjährige in die 11. Klasse eines Gymnasiums eingetreten. Ein Spiel am Schattenrand des leibhaftigen «alten Kindes», mit dem ihre Grossmutter, die Schriftstellerin Hedda Zinner, Anfang der achtziger Jahre korrespondiert hatte, nicht wissend, dass die mit Blümchen bedruckten Briefe aus dem Kinderheim von einer willentlich in die Vorpubertät regredierten Erwachsenen verfasst waren.
Der Sog des Grauens, der von solchen Lebenstragödien ausgeht, hat mit ihrer Nähe zu geheimsten Wünschen der Selbstverneinung zu tun. Jenny Erpenbeck kennt ihn wohl, aber sie gibt ihm nicht nach. Ihr Erzähldébut, dem eine lange Zeit der Abklärung vorausgegangen sein dürfte, ist eine Offensive gegen seine Versuchungen; keine Verteidigung kindlicher Reinheit gegen den trüben Rest der Welt, sondern eine Parabel über das Leben, in der die Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit als das erscheint, was sie ist: ein töricht unbedachter Wunsch, den nur böse Feen erfüllen.
Das «alte Kind» ist ein Geschöpf solcher Wunscherfüllung. Verbogenen Ganges wie weiland Kaspar Hauser taumelt es aus dem Nichts seines Vorlebens unter die pubertierende Jugend. Anders aber als der Nürnberger Findling, der mit allen Poren seines Wesens der Welt geöffnet ist, erscheint es wie der zu trägem Fleisch geronnene Einspruch gegen jede Art von Entwicklung und Veränderung und somit gegen das Leben selbst. Das ist unkindlich, und die anderen Kinder spüren es, zumindest anfänglich, bevor Gewöhnung, Gleichgültigkeit, auch flüchtiges Mitleid ihr Unbehagen überlagern. Während die Erzieher bei ihm genau das sehen, «was es will», und das indolent erscheinende Geschöpf wunschgemäss bald aufgeben, erkennen die Mitschüler seine Lernschwäche als Angebot, sich für einen Brosamen von Akzeptanz aus allen Konkurrenzen zu nehmen.
Tatsächlich geht alles, was das Kind an Energie aufbringt, in die Anstrengung ein, sich seine Schulkameraden gewogen zu machen, das gleiche zu wollen wie sie und nach Möglichkeit für alle Zeiten eine Achtklässlerin zu bleiben. Aber «das, was alle wollen, [. . .] gibt es nicht», und wenn sie etwas gemeinsam haben, dann die Natürlichkeit, mit der sie das eigene Alter bewohnen und unwissentlich schon der nächsten Epoche ihres Lebens entgegenfiebern.
Leih-Identität
Wie wenig diese desinvoltura der Normalentwicklung erlernbar ist, wissen alle, die in ihrer Jugend neben sich gestanden und ein ungeliebtes Selbst verleugnet haben, um zu sein wie die anderen. Das «alte Kind», und deswegen verkörpert es den hilflosen Opportunismus der Aussenseiter gleichsam in Reinkultur, hat nicht einmal mehr die irritable Identität und verquälte Würde der mit sich Zerfallenen: «Wo bei anderen eine Meinung ist, ist bei ihm eine Leere», es geht als Mensch «gegen Null», ja erscheint «ganz und gar ausgeräumt innerlich»: als Neutrum, dem ein zwanghafter Ordnungssinn als einzige Eigenschaft anhaftet. Was es zu sein vermag, ja ob es überhaupt jemand ist, definiert sich durch den Umgang der anderen mit ihm, und erst, als sich seine Tauglichkeit für die Rolle einer Zwischenträgerin und stummen Vertrauten erweist, wächst ihm eine Art Leih-Identität auf jener unpersönlichen Stufe zu, die es von Anfang an im Auge hatte: ein Nichts-als-Kind unter Kindern die sich freilich morgen schon in die Pubertät verabschiedet haben werden.
Genau an diesem Punkt aber, als das Mädchen endlich seinen Anteil zum «Gewimmel und Duft von Schülern einer achten Klasse» beitragen darf, wird ihm bewusst, dass es ohne entschiedenen Willen zum eigenen Leben niemals etwas vom authentischen Daseinsgefühl, von der Sorglosigkeit und Vitalität der Kindheit in sich verspüren wird. Im Augenblick der Desillusionierung beginnt auch der Verfall seiner Kräfte: Der schwere, immer schon schwächliche, vom «Fleisch der Kinder» geräuberte und aus Wesenlosem geformte Körper versagt den Dienst, schrumpft schliesslich zusammen wie der einer Zecke, nachdem sie das Blut fremden Lebens aufgebraucht hat. Was bleibt vom «Mummenschanz», ist eine dreissigjährige Frau in einem Krankenhausbett, deren unablässiges Weinen von den «weissbekittelten» Zeugen der unheimlichen Verwandlung «mit Befriedigung, wie ein fälliges Opfer» zur Kenntnis genommen wird.
Das «alte Kind», willenlos, friedfertig und scheinbar so passgerecht für ein risikofreies Dasein: es war buchstäblich der Wechselbalg eines hybriden, der Schöpfung spottenden Willens, dessen destruktive Energie so scheint das Klinikpersonal zu hoffen, und so hofft man als Leser am Ende in Tränen zerfliesst: in Tränen über verfehlte Kindheiten, ungelebtes Leben und die Trostlosigkeit der Schlaraffenländer hinter den Wällen aus traurigem Fett, die sich mancher errichtet gegen den Ansturm der Triebe; in ein Weltweinen über das, was Menschen Angst macht, was die Angst aus Menschen macht und was Menschen sich antun, damit das Leben an ihnen vorübergeht.
Jenny Erpenbecks bemerkenswerter Erstling ist ein Kunstmärchen in der Tradition der Sonderlingsliteratur. Dass es ihm mitunter an Schlüssigkeit fehlt, weil die Autorin zwischen symbolischem und psychologischem Erzählen schwankt, hier zuviel aus- und festschreibt, da zu sehr verknappt, tangiert seine Wirkung nur wenig: die «Geschichte vom alten Kind» bannt mit dem Odaliskenblick des Monströsen. Dem entkommt man nicht leicht, selbst dann, wenn das Nachtgesicht, dem man in ihr begegnet, zufällig nicht das eigene ist.
Andreas Nentwich
Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt, also wird es auf eine Schule geschickt. Eine verstörende Aura der Formlosigkeit umgibt dieses Geschöpf; jeder Versuch der Kontaktaufnahme prallt zurück wie ein Ball von der Wand. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt - doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel ...
In ihrer ersten Veröffentlichung gelingt es Jenny Erpenbeck, der wundersamen Geschichte des alten Kindes eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache, die auf faszinierend-verstörende Weise alles fasst: die Magie der Fremdheit, das Staunen über die Welt, das Geheimnis des Kindes.