Geschichte als Passion: Über das Entdecken und Erzählen der Vergangenheit Zehn GesprächeDas Buch ist sagenhaft! Klug und sehr gut vorbereitet führen die beiden Herausgeber, noch der jüngeren Generation zugehörige wissenschaftliche Mitarbeiter in Münster und Giessen, mit den Größen ihres Faches Interviews. Was ist das Fach? Geschichte und Geschichte der Wissenschaften. Wer sich je einmal mit Wissenschaftstheorie herumgeplagt hat, erfährt hier, wie es tatsächlich zugeht: gleichsam hemdsärmelig. Die Befragten nämlich haben ihre mehr oder weniger chaotischen, wie ein Systemtheoretiker sagen würde, Methoden der Organisation ihrer Projekte und Veröffentlichungen. Auf einfallsreiche Weise entlocken die Interviewer solchen Koryphäen wie Lorraine Daston oder Jörg Rheinberger oder Philipp Sarasin und den anderen jene kleinen Alltagsgeheimnisse, die darüber informieren, wie Wissenschaft tatsächlich betrieben wird: wie taucht ein Thema auf? Was merkt man sich? Werden Bücher exzerpiert? Welche Rollen spielen Hilfskräfte? Oder Gespräche? vielfach stammen die Anregungen zu ganze Karrieren begründenden Projekten nicht aus der Ermittlung der "Forschungslücke" - wie das im im trockenen Amtsdeutsch der Antragskultur heißt. Sondern aus einem abseitigen Einfall während eines Gesprächs, das sich auf ganz andere Themen bezog. An sich selbst also beobachten die Befragten, und teilen das mit, ein hohes Maß an Chaos-Bewältigung und zugleich nutzen sie ihre hohen intellektuellen Potentiale, damit aus dem Chaos ein Beitrag zum wissenschaftlichen Kosmos werde. So kommt Licht ins Denken! Wissenschaft, das ist auch die politische Botschaft von Brisanz, lässt sich nicht "planen", so wie manche sich das gemütlich in Kommissionen vorstellen und verordnen wollen. Sie braucht Freiräume nicht nur zum Denken, sondern auch zum produktiven (nur scheinbaren) Nichts-Tun: Nicht nur machen sich Wissenschaftler Gedanken, sondern freiflottierende Gedanken machen Wissenschaft.
Es ist eigentlich ein Wunder, dass es ein solches Buch nicht schon längst gegeben hat! Es liest sich flott, ist aber weit mehr als bestes Feuilleton. Es informiert über einen weitgehend ausgeklammerten wissenschaftstheoretischen und -historischen Bereich: Praxeologie. Die ist mehr als alle Theorie.
Prof. Dr. Michael B. Buchholz
International Psychoanalytic University, Berlin