Heinrich August Winkler gehört zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Einer breiteren Schicht der interessierten Öffentlichkeit wurde er im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung seines monumentalen Werkes
Der lange Weg nach Westen bekannt, in welchem er die Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhunderts unter der Fragestellung behandelt, ob es ihn denn nun gegeben habe, den so oft zitierten deutschen "Sonderweg". In diesem Zusammenhang weist Winkler darauf hin, dass die Geschichte Deutschlands von drei Prämissen geprägt worden ist, die sie von allen anderen europäischen Ländern unterscheidet: Die Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert sowie der Dualismus zwischen Preußen und Österreich ab Mitte des 18. Jahrhunderts (vgl.
Der lange Weg nach Westen, S. 5). Im lange erwarteten ersten Teil seines Buches "Geschichte des Westens" wendet sich Winkler von dieser spezifisch deutschen Perspektive ab und beschäftigt sich mit der Frage, was der "Westen" überhaupt ist, wer zu ihm gehört und, am wichtigsten, was die normativen Maßstäbe angesichts seiner Geschichte sind oder zumindestens sein sollten.
In Rahmen der Einleitung formuliert Winkler, seit wann es das "Projekt des Westens" überhaupt erst gebe: "Seit den beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, war das Projekt des Westens im wesentlichen ausformuliert. Der Westen hatte einen Maßstab, an dem er sich messen konnte - und messen lassen mußte" (21). Für Winkler bezeichnet der Begriff "Westen" also keine geografische sondern eine normative Gemeinschaft, welche sich gemeinsamen Werten und Maßstäben verpflichtet fühlt. Zu dieser Gemeinschaft zählen die Staaten Europas, die USA, Kanada, Australien und Israel.
Der nun vorliegende erste Teil der Darstellung (der zweite Teil soll 2012 erscheinen) behandelt den Zeitraum von der Antike bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Als Ausgangspunkt des normativen Projekts des Westens bestimmt Winkler die Entstehung des Monotheismus im Allgemeinen sowie des Christentums im Besonderen und weist hier vor allem hin auf das "revolutionäre[.] Potential" (33), welches das Christentum aufgrund seines Gedankens der Gleichheit vor dem Hintergrund des Römischen Reiches gehabt habe. Von hier aus stellt Winkler die wesentlichen Entwicklungslinien des Westens dar und wie sie zu dessen normativen Projekt beigetragen haben. Dabei liegt der Fokus erkennbar auf Deutschland, Frankreich, den USA und Großbritannien. Kritiker werfen Winkler daher vor, die Staaten Skandinaviens oder Osteuropas vernachlässigt zu haben. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass Winkler zur Beantwortung seiner Leitfrage unmöglich eine Universalgeschichte aller europäischen Staaten schreiben konnte, sondern sich exemplarisch auf die zentralen Entwicklungslinien, die maßgeblich zur Entstehung des normativen Projekts des Westens beigetragen haben, konzentrieren musste. Alles andere hätte den Maßstab einer Darstellung in Buchform gesprengt. Selbiges gilt für den Vorwurf, Winkler vernachlässige die Kulturgeschichte und konzentriere sich auf das Politische. Das ist korrekt, jedoch wiederum mit Blick auf die Problemstellung der Leitfrage verständlich. Für alle an der Kulturgeschichte Europas Interessierten, ist immer noch Egon Fridells
Kulturgeschichte der Neuzeit uneingeschränkt zu empfehlen, welches auch 90 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.
Winkler unterteilt seine "Geschichte des Westens" in vier an der Chronologie orientierten Hauptkapitel, in denen der klar strukturiert die für seine Fragestellung wichtigen Aspekte behandelt. Dabei ist es vor allem Winklers Fähigkeit, komplexe Sachverhalte gut lesbar und präzise auf den Punkt zu bringen, die seine Bücher zu einem gewinnbringenden Lesevergnügen gestalten. Ebenso sorgt die sinnvolle Unterteilung in zahlreiche Unterkapitel dafür, dass der Leser von den gut 1400 Seiten nicht erschlagen wird, sondern sich gezielt einzelne Themengebiete heraussuchen kann.
"Der Anspruch der unveräußerlichen Menschenrechte aber bleibt ein universaler, und solange sie nicht weltweit gelten, ist das normative Projekt des Westens unvollendet" (24). Der Maßstab des Westens, unser Maßstab, wurde formuliert in zwei Dokumenten 1776 und 1789 und sollte unser Denken und Handeln noch heute leiten. Doch wie lässt sich dieses Projekt am wirksamsten in der Welt verbreiten? Winklers Antwort hierauf sollte man an die Wände der Büros sämtlicher westlichen Staatschefs hängen: "Der Westen kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war" (ebd.).
Fazit: Monumental, gewinnbringend und von brennender Aktualität. Wer sind war, was macht uns aus, auf Grundlage welcher normativen Maßstäbe handeln wir? In der "Geschichte des Westens" geht Winkler diesen Fragen nach und liefert klare, fundierte und (selbst)-kritische Antworten. Auf den zweiten Teil kann man sich nur freuen.