Während von der breiten Öffentlichkeit das Mittelalter noch immer und vermutlich viele weitere Jahre als fortschrittsfremde, ja geradezu -feindliche Epoche betrachtet wird, ist die akademische Forschung spätestens seit den 1960er Jahren einen Schritt weiter - trotzdem die spezialisierte Technikgeschichte angesichts der weit längeren Tradition des Fachs als relativ junger Wissenschaftszweig gelten muss. So können die Pioniere dieser Disziplin als äußerst verdienstvoll angesehen werden, wenn auch viele ihrer frühen Ansätze und Argumentationen heute als widerlegt gelten müssen: etwa die von dem fehlgeleiteten Wunsch nach Betonung der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung technischer Innovationen beseelte These, der Steigbügel habe den Karolingern zum Sieg gegen die Muslime verholfen (vgl. S. 61). Die aktuelle Forschung indes legt in ihrer Arbeit den Fokus vermehrt auf Detailstudien zu unterschiedlichen Technologien in verschiedenen Regionen - eine Vorgehensweise, die angesichts der schwer zu typisierenden Diversität mittelalterlicher Technologien und der gleichzeitig fehlenden Reflexion sowie Terminologie der Zeitgenossen für den Gesamtkomplex "Technik" empfehlenswert scheint.
Diesen aktuellen Stand der Technikgeschichte stellt nun Marcus Popplow trotz der notwendigen Prägnanz in hervorragender Klarheit und gleichzeitig angemessener Differenziertheit dar: Nach einleitenden Bemerkungen zur Quellenlage, aktuellen Forschungsansätzen sowie zur räumlichen und zeitlichen Einordnung der Thematik erfolgt eine Klärung der Rahmenbedingungen technischer Entwicklungen, woraufhin einzelne Innovationsprozesse, etwa im Bereich des Transportwesens, der Militärtechnik, des Handwerks, der Landwirtschaft oder des Bergbaus vorgestellt werden. Indem der Autor hier den Bogen über Kernbereiche der mittelalterlichen Ökonomie und des Militärwesens spannt, gelingt ihm ein fundierter Überblick der Technologiegeschichte jener Epoche, deren technische Errungenschaften die Basis für spätere und weit mehr beachtete Technologien legten.
Ungeachtet der ihm auferlegten Knappheit des Werkes erreicht der Autor zudem neben der rein inhaltlichen Darstellung ebenso die Integration und Diskussion problematischer Fragen, die bis heute von der Forschung ungeklärt verbleiben. So äußert er sich etwa zu der auch in anderen Einzeldisziplinen der Geschichtswissenschaft momentan sehr aktuellen Einordnung europäischer Entwicklungen in den Kontext der Globalgeschichte (S. 56ff.), zur Begriffsgeschichte zentraler Termini (S. 41ff.) oder zur zweifelhaften Inkonsequenz der Forschung, die die Technikgeschichte des Mittelalters noch immer mit der traditionellen Epochenzäsur um 1500 enden lässt (S. 14ff.). Ebenso finden Schwierigkeiten der praktischen Forschertätigkeit Beachtung, die sich mit der weitgehenden Trennung der Aktivitäten von "Schrift- und Bildgelehrten" und "Mittelalterarchäologen" konfrontiert sieht (S. 13f.) oder mit restriktiven Arbeitsbedingungen an den Originalquellen zu kämpfen hat (S. 12) - ein trefflicher Hinweis: Man erinnere nur an die "Raabe-Scheibe" in der Wolfenbütteler Bibliothek.
Als Resümee lässt sich mithin feststellen, dass es sich bei dem besprochenen Werk um einen hervorragenden Band der Beck'schen Reihe handelt, der eine aktuelle und mit noch zahlreichen ungeklärten Forschungsfragen behaftete Thematik differenziert und bündig darstellt: für Fachfremde der beste Einstieg in ein interessantes Forschungsfeld - wozu etliche Abbildungen ihren Teil beitragen mögen -, für jeden, der bereits über entsprechende Kenntnisse verfügt, ein ansprechend gestaltetes und nützliches Überblickswerk.