"....sind große Anstrengungen nötig auf dem Feld der Meinungsfreiheit, bei den Frauenrechten, bei den Gewerkschaften und den Rechten der nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften."
(Olli Rehn, Erweiterungskommissar der EU)
Vor der "Geschichte der Türkei" hat timediver® den ebenfalls in der Reihe "C.H.Beck Wissen" erschienenen Band "Nationalismus" von Hans-Ulrich Wehler gelesen. Im Band des Islamwisenschaftlers und ehemaligen Leiters des Deutschen Orient Instituts, Udo Steinbach (Jg. 1943) offenbart sich - bisweilen auch unter umgekehrten Vorzeichen - eine Vielzahl von Aspekten der vorgangenen Lektüre.
Nach Erläuterungen zu Schreibweisen und Ausdrücken, Abkürzungen der türkischen Parteien und einem Vorwort zur Situation der Türkei zu Beginn des 21. Jahrhunderts geht Udo Steinbach zunächst kurz auf die geograhische Herkunft und Stammheimat der Türken ein. Ihre Geschichte kann bis in das 6. nachchristliche Jahrhundert in Zentralasien nachverfolgt werden.
Beginnend mit der Schlacht bei Mazinkert (1071), in der Alp Arslan dem Byzantinischen Reich eineverheerende Niederlage zufügen konnte, wird die Geschichte der Seldschuken und Osmanen im Zeitraffer dargestellt. Am Ende des multinationalen Osmanischen Reiches, dessen Herrscher als Kalif zudem auch Oberhaupt der islamischen Umma war, steht nach einem Jahrhunderte währenden Aufstieg und schleichender Dekadenz der "kranke Mann am Bosporus". Die Niederlage im ersten Weltkrieg und die revolutionären Kräfte der Jungtürken unter Führung Mustafa Kemals bereiteten dem alten System schließlich ein Ende.
Kapitel drei ist der Enstehung der modernen Türkei gewidmet. Hierzu zählen Besetzung des Landes durch ausländische Truppen, vertragliche Regelungen zu den euen Grenzen, Einigung mit Russland, Aussparung eines eigenen Staates für Armenier und Kurden pp. Die kemalistische Republik mit ihren inneren Umgestaltungen und einer Außenpolitik der "völligen Ungebundenheit" stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Die Abschaffung des Kalifats, das Verbot zum Tragen des Fes, die Einführung der lateinischen Schrift und die Verlegung der Hauptstadt in das anatolische Ankara sind die wichtigsten Beispiele zur vollständigen Sakularisierung des einstigen Kalifats. Die Neutralität verschafft der jungen Republik auch außenpolitisch eine neue Rolle.
Die nachfolgenden Kapitel beschreiben den Weg der Türkei nach dem zweiten Weltkrieg, vom Einparteienstaat zu einer prekären Demokratie. Das Land als Nahtstelle verschiedener Welten und seine neue Rolle. Besondere Themen sind der NATO-Beitritt, die Zypernkrise, der Kurdenkonflikt, die heute Bewertung des armenischen Genozids, der noch im osmanischen Reich stattfand, die militärische Zusamemnarbeit mit Israel, sowie die Rolle des Islam in der türkischen (multikulturellen?) Gesellschaft.
Das politische System mit seiner Vielzahl untergegangener und wieder-, bzw. neugegründeter Parteien und eine Zehnprozentklausel zum Einzug ins Parlament à la Türkei sind wohl nirgendwo anders auf der Welt zu finden. Eine deratige Dynamik ist nicht nur in Deutschland nahezu undenkbar.
"Die Türkei im Spannungsfeld von Tradition und Wandel" ist Gegenstand des siebten und letzten Kapitels. Als zentraler Punkt sind hierbei die am 3. Oktober 2005 begonnenen Verhandlungen für einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union zu sehen. Trotz Kalifat hatte bereits das osmanische Reich nicht nur aus geographischer, sondern auch aus programmatischer Sicht nach Europa gestrebt. Neben dem aufstrebenden Islamismus wird auch ein Ausblick auf die Vermittlerroller der Türkei zwischen Islamischer Welt und Europa, sowie ihre Leitfunktion für alle turanischen Völker bis in die ostchinesische Provinz Xinjiang gerichtet.
Neben "
Die Türkei im 20. Jahrhundert" und anderen Büchern zu den Themen Islam, Gesellschaft pp., sowie zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften stellt auch der Band aus der C.H.Beck-Reihe Wissen einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der jüngeren Geschichte des Landes dar, den jeder gelesen haben sollte, ehe er sich an einer Pro- und Kontra-Diskussion um einen EU-Beitritt der Türkei beteiligt.
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