Aufgabe einer Stadtgeschichte sollte es sein, dem interessierten Laien einen Extrakt gesicherten Wissens in informativer, allgemeinverständlicher und nach Möglichkeit auch unterhaltender Form anzubieten. Die Vorgehensweise läßt sich durchaus variabel wählen: man kann in konzentrierter Form die wesentlichen Geschehnisse mitteilen, man kann sich auf eine ausführliche Chronik beschränken, man kann eine sachliche Gliederung (politische Geschichte, wirtschaftliche Entwicklung, Bau- und Architekturgeschichte etc.) bevorzugen, man kann für die Darstellung verschiedene nacheinander abzuarbeitende Zeitschichten detailliert analysieren etc. pp. Ebersbach hat nichts von alledem anzubieten. Vielmehr stellt seine Methode, Impressionen aus der Bernburger Geschichte an ein grobes Zeitgerüst zu heften und dabei ein Stakkato von oft für sich sehr informativen, aber für das Verständnis der Vorgänge zu einem großen Teil völlig unnötigen Fakten auf den Leser herabprasseln zu lassen, für diesen eine große Belastung dar. Weil der größte Teil des Inhalts sich auf die letzten beiden Jahrhunderte konzentriert, kommt der Leser lediglich in den Genuß einer kommentierten Zeitungsschau - andere Quellen werden fast gar nicht oder gar nicht verwendet! Sich über große Zeiträume erstreckende Prozesse geraten dabei aus dem Blick. Zudem bleibt Ebersbachs Erkenntnishorizont auf die in Bernburg vor Ort verfügbaren Quellen beschränkt, auswärtige Archive wurden nicht genutzt. Das hat unmittelbare Folgen für das von ihm projizierte Bild der Stadt. Da er sich in seiner Darstellung bis 1943 weitestgehend entlang der Berichterstattung der "bürgerlichen" Zeitung "Anhalter Kurier" bewegt und die wichtigen sozialdemokratischen Zeitungen wie das in Dessau erscheinende "Volksblatt für Anhalt" (1890-1918 mit Bernburger Lokalnachrichten!!!) und die in Bernburg erscheinende "Volkswacht" (1919-1933) ignoriert, bleibt sein Bild der Stadt das des "bürgerlichen" Bernburg. Die proletarische Hälfte der Bevölkerung kommt bei ihm oftmals nur dann vor, wenn der "Anhalter Kurier" von ihr Notiz genommen hat. Der gewaltige soziale, politische und kulturelle Riß durch die Stadt findet bei ihm nicht statt. Es wirkt schon sehr befremdlich, wenn seitenweise alle Bernburger Geschäfte aufgezählt werden, für die Darstellung der Lebensverhältnisse jener, die sich in diesen Geschäften nur wenig oder gar nichts kaufen konnten, jedoch kaum Platz ist. Ebersbach versucht den im übrigen auch nach 1945 weiter bestehenden Riß mitten durch die Gesellschaft über weite Strecken zu überdecken. Die politische und Sozialgeschichte der Stadt scheint ihm einfach unangenehm zu sein; er gibt sich nicht die Mühe, die Vorgänge tatsächlich gedanklich zu durchdringen, sich genug Informationen für eine korrekte Darstellung zu beschaffen und sie in ausreichendem Maße aufzubereiten. Symptomatisch dafür ist sein Umgang mit den verschiedenen Wahlsystemen des Kaiserreichs: Stadtverordneten-, Landtags- und Reichstagswahlrecht werden in einen Topf geworfen, dem Herzogtum Anhalt schnell noch das nur im benachbarten Preußen existente Drei-Klassen-Wahlrecht untergeschoben, einmal kräftig umgerührt, fertig! (siehe Band 2, S.20-22). Auch der politisierten Sportbewegung ergeht es nicht besser. Für die Zeit nach der Jahrhundertwende versucht Ebersbach, den Eindruck zu erwecken, als wenn der Arbeiter-Turnverein "Vorwärts" dem Anhalt-Sächsischen Gau der Deutschen Turnerschaft angehörte (siehe Band 2, S.39). Tatsächlich war er Mitglied des von der Deutschen Turnerschaft abgespaltenen Arbeiter-Turner-Bundes (später Arbeiter-Turn- und Sportbund). Weiter war der erwähnte Deutsche Reichsbund für Leibesübungen in der Weimarer Republik eben nicht lediglich irgendein "Dachverband der Turnvereine" (Bd.2, S.172), sondern DER Dachverband des bürgerlichen Sports.
Solche Ungenauigkeiten, unzulässig verkürzte Tatbestände und Falschdarstellungen häufen sich derart, dass man sich während der Lektüre ständig fragt, wie weit man sich überhaupt auf dieses Buch einlassen sollte. Im Folgenden nur einige Beispiele, die sich auf Personen der Zeitgeschichte beziehen:
1. Ulrich Freiherr von Bothmer, bis 1934 SA-Führer in Bernburg, kam nicht, wie von Ebersbach suggeriert, vom Stahlhelm zur NSDAP (siehe Band 2, S.192), sondern war bis zu seinem Übertritt 1930 Führer des "Bundes Oberland", einer eine Platzhalterfunktion für die NSDAP ausübenden völkischen Gruppierung, in Bernburg.
2. Gerhard Heine wird von Ebersbach als "Poetikaster" bezeichnet, der nach Kriegsbeginn am 22.8.1914 im "Anhalter Kurier" ein "haarsträubendes Machwerk" veröffentlicht habe (siehe Band 2, S.104). Es handelt sich bei dem Autor aller Wahrscheinlichkeit nach um den ehemaligen Bernburger Oberlehrer Gerhard Heine, seit 1911 Leiter des Nordseepädagogikums in Wyk auf Föhr, später Studiendirektor des Friedrichs-Gymnasiums in Dessau, der um die Jahrhundertwende Mitglied des Nationalsozialen Vereins Friedrich Naumanns war, der Sozialdemokratie durchaus kritisch wohlwollend gegenüberstand und u.a. 1907 die von Ebersbach nicht wahrgenommene Erzählung "Kleinkrieg in Weisenberg" veröffentlichte; eine hervorragende Quelle zur Stadtgeschichte um die Jahrhundertwende, sofern man die von Heine vorgenommenen Verfremdungen zu entschlüsseln weiß. Bei dem auch von Ebersbach wiedergegebenen, aus seiner Sicht kriegsbejahenden, "haarsträubenden Machwerk" handelt es sich um Satire unter den Bedingungen der Kriegszensur! Ebersbach erkennt dies genauso wenig wie seinerzeit die Redaktion des "Anhalter Kurier".
3. Ewald Lichtenberg, vor 1933 und nach 1945 Führungsperson der Bernburger Sozialdemokratie, wird von Ebersbach unterstellt, dass er im Zusammenhang mit der Zwangsvereinigung der SPD und KPD 1946 als Vereinigungsgegner nach einem Gespräch auf der sowjetischen Kommandantur noch vor der Vereinigung nach Hamburg geflohen wäre (siehe Band 2, S.280). Wie kann es dann sein, dass er bis etwa Mitte 1947 als Leiter des Finanzamtes fungierte? Auch die Vereinigung zur SED trug er zumindest nach außen hin mit und war noch bis Oktober 1946 einer der beiden 1. Kreisvorsitzenden. Aus der SED wurde er erst im März 1947 ausgeschlossen.
4. Heinrich Peus, der Führer der anhaltischen Sozialdemokratie, war nicht "Pionier des Esperanto" (siehe Band 2, S.125), sondern des Ido.
5. Dr. Wilhelm Schüßler, Rechtsanwalt, wird von Ebersbach als "Deutschnationaler und später auch Nazi" (siehe Band 2, S.142) bezeichnet. Während ersteres korrekt ist, läßt sich für das zweite weder in den Quellenbeständen des Bundesarchivs (ehemals Berlin Document Center) noch in den unmittelbar nach 1945 entstandenen Entnazifizierungsunterlagen ein Hinweis finden.
6. Richard Weigel, Zucker- und Schokoladenwarenfabrikant, wird von Ebersbach für 1933 schon als NSDAP-Mitglied (siehe Band 2, S.164) und in der Folge für das gleiche Jahr auch als "SS-Sturmbannführer" vermerkt (S. 210). Laut Bundesarchiv sowie Entnazifizierung nach 1945 trat Weigel der Partei erst 1937 bei. Sein höchster Dienstgrad in der SS war lediglich Untersturmführer (entsprach Leutnant), nicht Sturmbannführer (entsprach Major), wie von Ebersbach angegeben, wobei hier zusätzlich zu prüfen wäre, ob nicht die gesellschaftliche Stellung Weigels als einer der schon größeren Unternehmer Bernburgs (reichlich 100 Beschäftigte 1939) die 1940 erfolgte Beförderung zum Untersturmführer begünstigte. Ebersbach macht hier fahrlässigerweise aus einem eher als Mitläufer zu beurteilenden Nationalsozialisten einen Aktivisten; aufgrund welcher Quellen bleibt angesichts der völligen Abwesenheit von Fußnoten oder Anmerkungen im ganzen Werk im Dunkeln. Auch die Behauptung, dass Weigel erst 1933 mit Hilfe seiner NS-Parteigenossen mittels eines rasant durchgezogenen Bauvorhabens vom Inhaber eines Süßwarenladens zum Fabrikanten aufsteigen konnte, ist falsch; er hatte sich schon 1927 nach jahrelanger Teilhaberschaft als Süßwaren- bzw. Schokoladenfabrikant in Bernburg selbständig gemacht.
Die Aufzählung könnte beliebig verlängert werden, und es ist davon auszugehen, dass dem Rezensenten bei weitem nicht alle fehlerhaften Darstellungen überhaupt aufgefallen sind. Insgesamt handelt es sich um ein denkbar schlecht recherchiertes Buch. Ebersbachs reichlich 700 Seiten zur Geschichte Bernburgs bieten lediglich gut illustrierte Streiflichter v.a. aus den vergangenen zwei Jahrhunderten, bei denen man allerdings keinen allzu großen Wert auf Wahrhaftigkeit und Ausgewogenheit legen sollte. Es sei noch einmal betont, daß die Fehlerhaftigkeiten des Buches nicht den von Ebersbach vorsorglich schon im Vorwort dafür verantwortlich gemachten Veröffentlichungen von "Heimatforschern" anzulasten sind, die laut Ebersbach "ein Leben lang sammeln, von Zeit zu Zeit einen Artikel absondern, aber nie das Büchlein, die Broschüre oder das Buch schreiben, für das sie zu sammeln angefangen haben" und "allmählich Gefangene des Gesammelten" werden (siehe Band 1, S.14f.). Etwas weniger Arroganz und bessere Recherchefähigkeit, Systematik und Quellenkritik wären der Darstellung sehr gut bekommen. So zeigt auch das Beispiel Ebersbach wieder einmal, was herauskommt, wenn Laien die Arbeit von Fachleuten ausführen.