Neue Zürcher Zeitung
Helmut Zanders grosse Geschichte der Seelenwanderung
Auf Seite 430, noch nicht ganz in der Mitte seiner «Geschichte der Seelenwanderung in Europa», legt Helmut Zander, ihr Verfasser, ein Bekenntnis ab: «Es gibt den Punkt in dieser Geschichte der Seelenwanderungsvorstellung, wo ich, da sich nicht die Aussicht auf eine Reinkarnation, und zwar mit Erinnerung, einstellt, vor der Materialmenge kapituliere.»
Das freimütige Eingeständnis ehrt den Autor, zumal es sich bei ihm keineswegs um eine bedingungslose Kapitulation handelt. Geschichte und Umfang der einschlägigen Vorstellungen sind in der Tat unüberschaubar, ein Forscherleben ohne Reinkarnationsperspektiven, jedenfalls mit dem Kontinuum eines Gedächtnisses, wie es von einem wissenschaftlichen Werk gefordert werden darf, aber ist begrenzt. Dieselbe Aporie gilt auch für die Leser: Was sollen sie lesen, wenn sie nur ein Leserleben haben?
Aber gerade hier zeigt sich ein Vorzug, der dem Reinkarnationsglauben in den letzten Jahren im Westen zu einer neuen Hochkonjunktur verholfen hat: An der Endlichkeit des Lebens muss sich kein Reinkarnationsgläubiger den Kopf und die Seele wund stossen. Wo andere über Sterben, Tod, Grab, Finis klagen, hat er unendliche, wenigstens weitere Zukünfte im Prospekt. Unbegrenzt scheinen seine Evolutionsressourcen. Und alles wird sich nicht im Utopia eines unfasslichen, unvorstellbaren Jenseits ereignen, sondern hienieden, in diesseitigster Unsterblichkeit, in einer Zukunft, die es nur noch zu entschleiern gilt.
Noch grösser aber ist womöglich der Bonus in bezug auf die Vergangenheit und das sonst kontingent erscheinende Faktum der «Geworfenheit», das Diktat der Geburt. Wo für das retrospektive Endlichkeitsbewusstsein womöglich Willkür herrscht und die Lebensrechnung nicht aufgeht, waltet nun die vorgeburtliche Gerechtigkeit, die den Namen «Karma» trägt, der moralischen Mitgift, der Vergeltungskausalität des Lebens. Kein Grabbesches «Einmal auf der Welt, und dann als Klempner in Detmold». Wer waren wir nicht schon alles, bevor wir wir wurden! Narziss, dein Name ist Präexistenz. Und wo der Erinnerungsfluss stocken will, helfen eine Reinkarnationstherapie und das Revivaltraining als esoterische Variante des Survivaltrainings weiter.
Mit anderen Worten: Wer den reinkarnatorischen Nutzen hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Helmut Zander steht dieser Spott reichlich zu Gebote, freilich nicht von jener eher gröberen Sorte, der wir uns eben befleissigt haben, sondern einer weit subtileren. Sein Buch funkelt von Satire, Witz, Ironie und sowieso von tieferer Bedeutung. Seit längerem haben wir kein vergleichbar voluminöses und gelehrtes Buch von vergleichbarer Eleganz gelesen. Man nehme nur das Kapitel «Erinnerung»: «Evident schwierig wurden die Inkarnationsketten, wo eine Person sich besonderer Attraktivität erfreute und überbelegt wurde. In der Neuzeit etwa traf dieses Schicksal Maria Magdalena (. . .), vielleicht spielte auch eine Rolle, dass die biblische Maria Magdalena eine aussergewöhnliche Kombination von erotischer Sinnlichkeit und Spiritualität verkörperte; mögliche Inkarnationsinteressen liegen jedenfalls auf der Hand.» Aber Zander lässt auch den nötigen Ernst nicht vermissen, etwa wenn er bei den schon per se unlösbaren Theodizee-Fragen, die sich an den Namen von Auschwitz knüpfen, neuere zynische Rechtfertigungsversuche im Zeichen des Karma-Gedankens vehement attackiert. Diese Kritik gilt auch für karmisch eingekleidete soziale Rechtfertigungsideologien vom Typus der Kastensysteme: Den Leidenden, den Ausgebeuteten, den Erniedrigten wird wie den in Auschwitz Ermordeten von diesen Ideologien noch ein Tritt gegeben. Sie haben ja «verdient», was sie trifft . . .
Auf nahezu 900 Seiten wird die Geschichte der Seelenwanderung in Europa von den Vorsokratikern bis zum frühen Ernst Bloch, zur Anthroposophie und zur jüngsten Gegenwart dargestellt. Bhagwans deutsche Anhänger und Ron L. Hubbards «dianetische» bieten eine Art von aktuellem «Tailpiece». Ein ausführliches Kapitel zur aussereuropäischen Welt, zum Hinduismus, zum Buddhismus und zur «Reinkarnationspolitik» Tibets ist vorangestellt. Glänzend die konzentrierten Abschnitte über das deutschsprachige 18. und 19. Jahrhundert.
Intendiert ist natürlich eine Geschichte der Seelenwanderungs vorstellungen. Die geschichtliche Wanderung der Seelenwanderung selber wäre eine ganz eigene Aufgabe, der sich die obligatorische wissenschaftliche Skepsis schwerlich unterziehen könnte. Aber auch so gibt es genügend Probleme. Zander ist sich dessen bewusst. Das beginnt schon mit den terminologischen Fragen. «Palingenesie», «Metempsychose», «Metensomatose», «Transmigration», «Seelenwanderung», «Reinkarnation» unterscheiden sich signifikant. Die beiden letzteren sind die gebräuchlichsten. Die «Seelenwanderung» erhält aus guten Gründen den Vorzug vor der modischeren «Reinkarnation», weil sie nicht nur sagt, dass, sondern auch was da für die Gläubigen reinkarniert wird bzw. «wandert». Erschwerend vor allem, dass es sich im christlich dominierten Europa um alternative religiöse Traditionen handelt, die eher aus der Ketzer- als der Kirchenhistorie stammen. Das orthodoxe Christentum mit seinem dezidierten Antidualismus, das an die Auferstehung des Fleisches, an die unverwechselbar individuelle Leib-Seele-Einheit, an einen anfänglichen Anfang in der Geburt, ein Jüngstes Gericht glaubt und die Grenze zwischen Gott und Mensch nicht durch unendliche evolutive Prozesse und Selbsterlösungskonzepte verwischen will, hat mit der Seelenwanderung wenig im Sinn.
Zander zieht daraus die Konsequenz, eine «antihegemoniale» Tradition zu beschreiben und das ist ein etwas modischer Aspekt des sonst sehr originellen Buches dem «dekonstruktivistischen» Pluralismus und Polyperspektivismus seinen Tribut zu entrichten. Die Frage, ob nicht gerade ehemalige Christen, die ihrem angestammten Unsterblichkeitsglauben nicht mehr recht folgen können, zur Reinkarnation als immanenter Form der Unsterblichkeit ihre Zuflucht nehmen, wäre zu erörtern.
Im ganzen: ein überaus lesenswerter Beitrag zu einem der aktuellsten Kapitel der historischen Anthropologie, die Aufklärung einer Szene, auf der sich sonst zumeist nur die Gurus und die Gläubigen tummeln.
Ludger Lütkehaus