Es gibt viele Bücher über die Geschichte der Philosphie. Die meisten sind dick, abstrakt, präsentieren eine Abfolge von Philosophen und Gedankenwelten und vernachlässigen dabei die Gesellschaft, die solches hervorgebracht hat. Diese einschüchternden Werke sind meist von Fachphilosophen für Fachphilosophen geschrieben und verstauben ungelesen in den Regalen.
Dieses Buch ist anders. Es wurde offensichtlich geschrieben, um gelesen und verstanden zu werden. Jede Epoche wird nicht nur aus dem verengten Blickwinkel der philosophischen Systeme heraus dargestellt. Die Philosophen und ihre Philosophien werden als Ergebnis einer viel breiteren Gedankenwelt der jeweiligen Epoche dargestellt. Nebenher werden einige Kunstwerke der Epoche dargestellt und erstaunlich gründlich erklärt, wie diese Kunstwerke zugleich die Gedanken der Epoche und der Philosophie dieser Epoche bündeln. So werden auf der gleiche Seite Schellings Philosophie und ein Gemälde von Caspar David Friedrich erklärt. Ein paar Seiten weiter der Geschichtsphilosoph Marx und das Gemälde "Eisenwalzwerk" von Adolph Menzel. Diese verschiedenen Aspekte einer Epoche werden so gut in ihrem Zusammenhang erklärt, wie ich es noch in keinem anderen Buch gesehen habe. Ausserdem sind die gut gelungenen Reproduktionen der Kunstwerke ein Fest für das Auge. Das Lesen und Verstehen gelingt leicht, weil es ein Vergnügen ist.
Auf 120 Seiten im Format A4 kann natürlich nicht jedes Detail einer zeitgebundenen Philosophie erklärt werden. Das Setzen von Schwerpunkten und die kompetente Darstellung sind hier aber so gelungen, dass es mich erstaunt hat. Von einem Buch, dass nebenbei auch noch Kunstgeschichte erklärt, hatte ich nicht erwartet, dass es auch in der Sache noch so präzise und sachlich zusammenfasst.
Eine Schwäche des Buchs ist, dass es nur Europa darstellt. Wer auch etwas über Buddha, Lao Tse und indische Philosophie lesen möchte, der sollte besser zur "Kleinen Weltgeschichte der Philosophie" von H. J. Störig greifen. Diese Schwäche wird aber ausgeglichen durch die gelungene Darstellung des 20. Jahrhunderts. Auch hier werden die Grundlinien von Philosophie, Wissenschaft und Kunst aufgezeigt und in ihrer Wechselwirkung erklärt. Wenn ein Bild aus dem Film "Frankensteins Sohn" (USA 1939) oder ein Bild von einer politischen Demonstration (Berlin 13.4.1968) zwischen den Philosophen Wittgenstein, Popper und Adorno erscheint, dann wird das manchem Leser geschmacklos erscheinen. Solche Bilder illustrieren aber wichtige Linien in der Gedankenwelt des 20. Jahrhunderts. Genauso wie die nicht ganz so bekannten Zeichnungen "Panopticon" (Bentham) und "Ceci n'est pas une pipe" (Magritte). Die enge Verquickung von Kunst und Philosophie ist mir noch nie so deutlich vor Augen geführt worden wie in diesem Buch. Dabei hat auch die Genauigkeit der Darstellung der Philosophie nicht gelitten. Da das Buch ausserdem nur 9,90 DM kostet, kann ich es sehr empfehlen.