Ich habe viele Abhandlungen über die Geschichte der Philosophie gelesen, aber das Werk von Hirschberger ist und bleibt unerreicht. Kein anderer hat es vermocht, den roten Faden der Philosophiegeschichte so genau zu erkennen und zu verfolgen wie er.
Ich kann die Anschuldigung einiger Rezensenten, die Hirschberger religiöse und dogmatische Tendenzen unterstellen, nicht nachvollziehen. Es mag daher rühren, dass sie aufgrund von heutzutage sich in Mode befindlichen atheistischen Vorurteilen Ursache und Wirkung vertauschen, denn es ist für den objektiven Leser klar ersichtlich, dass Hirschberger weder Philosophen Absichten unterstellt, die er nicht begründen kann, noch dass er Philosophen, die für die "philosophia perennis", den roten Faden der Philosophiegeschichte, bedeutsam sind, diffamiert. Ganz im Gegenteil. Hirschberger begründet stichhaltig und wartet in einer nie dagewesenen Gründlichkeit mit Argumenten und Textverweisen auf. Nicht Hirschberger, der theologische Dogmatiker, verfälscht die Geschichte des Abendlandes, sondern Hirschberger wurde zum Theologen AUFGRUND der Geschichte der Philosophie des Abendlandes. Wer die Bücher gewissenhaft liest, wird merken, dass er insbesondere kritisch mit den Philosophen ins Gericht geht, die seiner vermeintlichen Sichtweise nahe stehen.
Bezüglich Hume und Kant stellt er korrekterweise heraus, dass gerade sie den Empirismus ad absurdum geführt haben und damit der Wissenschaftsgläubigkeit eine endgültige Absage erteilten. Der Empirist Hume verwies darauf, dass die Induktion, die das Fundament der Wissenschaft bildet, keine sichere Gültigkeit hat und dass deswegen jegliche Wissenschaftserkenntnis nur eine hohe Wahrscheinlichkeit, beschränkt auf einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit, hat. Kant war gezwungen, Postulate anzunehmen um überhaupt seine Erkenntnis und damit sein Werk zu ermöglichen. Dies ist durchaus als Bankrotterklärung der Empiristen, Sensualisten u. Materialisten zu werten, was Hirschberger hier nicht einmal deutlich herausstellt. Er überlässt es aufgrund seiner stichhaltigen Schilderung dem mündigen und reflektierenden Leser, dies zu erkennen.
Man kann jetzt streiten, ob er dem ein oder anderen Philosophen mehr Platz hätte einräumen müssen, z. B. Schopenhauer. Das hätte er aber auch bei Platon gekonnt, obwohl sein Kapitel schon einen Großteil des ersten Buches füllt. Ich denke, er hat alles Wichtige in diese zwei Bücher gepackt und es wird ihm, da bin ich sicher, kein Zweiter nachmachen, auf so beschränktem Raum qualitativ so hochwertig und essenziell so dicht die Philosophiegeschichte des Abendlandes zu schildern.
Menschen, die mit Philosophie noch keine Berührung hatten und einen Einstieg suchen, rate ich vor diesem Werk die Abhandlungen von Störig und Röd zu lesen. Dann wird Hirschbergers Standardwerk keine Verständnisschwierigkeiten mehr bereiten. Ich bin mir sicher, dass jeder, der sich die Mühe macht Hirschberger ernsthaft und unvoreingenommen zu lesen, belohnt werden wird und nach der Lektüre sich und die Welt mit anderen, offeneren und wissenderen, Augen sehen wird.