Tatsächlich ist, wie es im Vorwort steht, 'Die Geschichte der O' ein Roman, der einen nicht so zurück lässt, wie er einen vorgefunden hat.
Man macht während des Lesens einen Prozess durch: zu Anfang verspürt man den Drang O zu retten, man hat Mitleid mit ihr und versteht ihre grenzenlose, selbstzerstörerische Liebe nicht, ist geschockt: die beschriebenen Szenen und Demütigungen sind kein Spiel für O, das über einen längeren Zeitraum geht, sondern Realität, weshalb selbst jemand, für den BDSM Alltag ist, ins schwitzen kommt.
Es ist auffällig, dass O zu Anfang das Erlebte wenig reflektiert, der Roman lebt vor allem von detaillierten Beschreibungen. Der Leser ist sich nie so recht sicher, ob sie wirklich leidet, ob sie den Schmerz genießt, ob sie eine Neigung hat oder ob sie allein für ihren Liebsten René alles erduldet. Sätze wie '.Wenn man sie nur ein bisschen peitscht, könnte sie Geschmack daran finden und das wäre falsch.' sorgen zudem für Verwirrung und machen es umso unverständlicher, dass jemand diese Leiden wirklich genießen könnte. Erst im zweiten Kapitel sagt O konkret, was sie fühlt: 'Dennoch hatte sie sich noch nie so völlig einem fremden Willen ausgeliefert, so völlig als Sklavin gefühlt, und war noch nie so glücklich darüber gewesen.'
Ab hier beginnt sich der Leser langsam in O einzufühlen und schafft es nach und nach ihre paradoxen Gefühle nachzuempfinden und zu verstehen. Es sind viele subtile Momente vorhanden, in denen Os Veränderung deutlich wird, wie z. B die Szene, in der O, die Modefotografin ist, das Modell Jaqueline beobachtet und sich denkt, sie wäre noch schöner, wenn sie an Ketten hinge.
Nach und nach, umso erniedrigender die Forderungen von René und Sir Stephen werden, steigt die Bewunderung beim Leser, die Faszination darüber, wie sich jemand völlig aufgeben kann, tiefer Respekt, bis der Leser vielleicht sogar so etwas wie Neid verspürt.
Obwohl der Roman hauptsächlich von Erotik lebt, glaub ich, dass man ihn nicht als erotischen Roman verstehen soll: Viel zu oberflächlich wäre so eine Genrebezeichnung, genauso wie der Stempel SM-Roman, außerdem zielt der Roman trotz der vielen, detailreichen und perversen Szenen nicht darauf ab, den Leser sexuell zu erregen. Es ist vielmehr ein besonderer Liebesroman.
Als mir dieser Gedanke kam, ist mir aufgefallen, dass sich 'Die Geschichte der O' im Grunde nicht wesentlich von großen Klassikern wie 'Romeo und Julia' oder 'Kabale und Liebe' unterscheidet: Was Schriftsteller seit Jahrhunderten fasziniert ist die unzertrennlichen Symbiose Liebe und Schmerz. Wenn ich an 'Kabale und Liebe' denke, erinnere ich mich, dass ich beim lesen neidisch auf Luise war und auf ihren tiefen Schmerz sowie die Tatsache, dass ihr liebster Ferdinand sie ermordete, als Liebesbeweis interpretierte. Die Szene, in der er wutentbrannt über eine Vereinigung in der Hölle nachdenkt, ist von wahnsinnig großer Leidenschaft und könnte auch aus einem SM-Roman stammen.
Bei Schiller und co. führen die äußeren Umstände (Gesellschaftsschichten, familiärer Hass) zu der unglücklichen Liebe, aber dennoch werden gerade diese unglücklichen Beziehungen als wahre Liebe angepriesen, die keine Grenzen kennt, als Ideal... der idealisierte Schmerz ist demnach in unserer Gesellschaft präsenter, als man gerne zugeben möchte.
Bei 'Der Geschichte der O' gibt es keine äußeren Umstände, der Schmerz ist vor allem körperlich und freiwillig ' er ist also nicht begründet, wie bei 'Kabale und Liebe' und der Leser gerät mit seinem moralischen Weltbild in Konflikt.
Hinzu kommt, dass die Frau in der Vergangenheit die Rolle der Unterwürfigen hatte, die sich aus diesen Fängen emanzipieren musste, weshalb dieser Roman gefundenes Fressen für die Frauenbewegung war und immer noch ist.
Jedoch macht genau dieser Punkt den Roman so genial: Er spielt mit Grenzen, mit Klischees, Normen, mit Moralvorstellungen und hinterfragt diese.
Die Frage der Freiheit beispielsweise: Wollen wir wirklich alle frei sein? Oder streben wir Unabhängigkeit und Freiheit an, weil wir so erzogen wurden? Kann überhaupt jeder mit Freiheit umgehen? Schlummert nicht in uns allen der Wunsch nach Selbstaufgabe für die Liebe? Nach einer charismatischen Persönlichkeit, die uns den richtigen Weg weist? Sind wir nicht alle für die Liebe über Grenzen gegangen ' nur um sie zu retten?
Der Roman erweckt die widersprüchlichsten, abwegigsten und perversesten Träume zum Leben und zeigt vor allem, dass es erlaubt ist zu träumen.
Wer 'Die Geschichte der O' wie ein Märchen liest, wird O nicht verurteilen, er wird sie sogar lieben.
Meiner Meinung nach ist dieser Roman mehr als nur lesenswert ' wer jedoch einfach nach erotischer Unterhaltungsliteratur sucht, wird hier nicht fündig werden.