Edvard Hoem ist als Schriftsteller, Theaterregisseur und Shakespeare-Übersetzer in Norwegen in der Literatur- und Kulturszene ein fester Begriff. Schon 1974 , als er seinen ersten Roman vorlegte, der unter dem Titel "Fährfahrten der Liebe" 1987 in Deutschland veröffentlicht wurde, wurde er in Norwegen berühmt.
Wenn man das vorliegende Buch "Die Geschichte von Mutter und Vater" ausgelesen hat, nimmt es einen nicht Wunder, dass dieses bewegende und tiefgehende literarisch-biographische Zeugnis schon kurz nach seinem Erscheinen 2005 in Norwegen ein Bestseller wurde. Edvard Hoem bekommt offenbar, selbst mitten in seinen Fünfzigern, irgendwann das starke Bedürfnis, dem Leben und dem Schicksal der Menschen nachzugehen, die ihm das Leben geschenkt, ihn aufgezogen und in seinem Werdegang wie auch immer geprägt haben. Er gibt uns in diesem wunderbaren Buch keinen Hinweis darauf außer einer Erinnerung, die das Buch einleitet.
"'Mama, liebst du den Papa?', fragte ich Mutter einmal in meiner fernen Kindheit... Ich war vielleicht sechs Jahre alt. Dann war das im Jahr 1955."
Der kleine Junge rechnet damit, dass, wie immer bei der Mutter die Antwort kurz ausfallen würde. "Aber dieses mal antwortete Mutter nicht so leichthin und abwesend wie eigentlich sonst immer. Sie hielt inne und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nie zuvor gesehen hatte. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, zweimal. Dann sagte sie mit fremder Stimme das, was mich fünfzig Jahre nicht loslassen sollte:
'Ich hatte Vater nicht lieb, als ich mit ihm zusammenkam, aber ich habe ihn liebgewonnen, weil er beständig war, beständig und treu, und das ist genauso wichtig wie Liebe.'
An diesem Abend öffnete sich eine Tür ins Unbekannte. Im Leben von Mutter und Vater gab es etwas, worüber nicht gesprochen werden sollte, aber nun hatte sie es mir anvertraut, dass es das gab."
Und dann, an einer bestimmten Stelle in seinem eigenen Leben, beschließt Edvard Hoem, dem Leben und der Geschichte seiner Eltern nachzugehen. Er hat dafür über eine lange Zeit im Gudbrandsdal, dort wo sein Vater sein Leben lang als Laienprediger für die Innere Mission gearbeitet hat, schriftliche Zeugnisse ausgewertet und viele Menschen befragt, die ihm etwas erzählen konnten von den Familien und der Geschichte seiner Mutter und seines Vaters. Seine wichtigste Quelle war eine Art Tagebuch, in dem sein Vater über Jahrzehnte sorgfältig alle Bibelarbeiten und die Orte, an denen er sie gehalten hatte, notierte.
Aber Hoem geht in diesem außergewöhnlichen Buch noch weiter zurück. Er beleuchtet die Kindheit und Jugend seiner Eltern, lange bevor sich die beiden begegneten. Und so erfährt der Leser nicht nur viel über die konfessionelle Landschaft in Norwegen vor und nach dem Krieg, er liest von dem Leben und dem Alltag von einfachen Bauern, die, ohne bigottisch zu sein, ihr Leben unter das Wort Gottes stellen und den durch das Land wandernden oder mit dem Fahrrad fahrenden Predigern oft über Wochen Obdach geben, deren Mitarbeit auf dem Hof aber ablehnen, weil sie sich auf die Vorbereitung der abendlichen Andacht konzentrieren sollen, und die ihn ihren bescheidenen Bauernhöfen oft einen Bischofszimmer" genannten Raum haben, der nur für diese Prediger vorgehalten wird.
Wir erfahren viel über die schwere Zeit der deutschen Besatzung Norwegens und wie die Menschen dort damit umgegangen sind. Hoems Vater Knut, der Prediger, hatte 1940, kurz nachdem die Deutschen das Land überfallen und besetzt hatten, mit seiner hauptamtlichen Predigertätigkeit begonnen.
Knut hatte sich noch während des Kriegs in eine junge Bauerstochter verliebt, sich mit ihr auch verlobt. Doch die Verlobung wurde wieder gelöst, weil er weder auf dem Hof seiner Eltern der ewige Sohn sein wollte, noch auf dem Hof der Eltern seiner Braut der Jungbauer. Er hatte schon früh sein Leben dem Wort Gottes geweiht, und hat von dieser Tätigkeit nicht gelassen bis er alt wurde.
Hoems Mutter Kristine hatte sich während der deutschen Besatzung in einen Soldaten verliebt und bekommt kurz nach der Kapitulation 1945, der Soldat hat sitzengelassen, ein Kind. Von den anderen als Naziflittchen verachtet, begegnet sie irgendwann dem Prediger Knut, der sie nach einiger Zeit des Werbens heiratet. Sie liebt ihn nicht, doch, wie das Eingangszitat beschreibt, sie wachsen zusammen. Sie führt den Hof während seiner langen Missionsreisen und wenn er über den Sommer zu Hause ist, packt er mit an, ohne jedoch jemals an der bäuerlichen Tätigkeit wirkliche Freude zu haben.
Hoems Buch ist der gelungene Versuch einer literarischen Annäherung an seine verstorbenen Eltern. Er tut es leise und zart. Dabei ist sein Buch nicht nur Biographie, sondern auch ein Stück Sozial- und Konfessionsgeschichte eines Norwegen, das längst vergangen und von der Moderne abgelöst worden ist. Auch wegen diesem Charakter des Buches hatte es in Norwegen einen solchen Erfolg.
Es ist eine bewegende Lektüre über Menschen, die ohne geistliche Strenge ihr Leben und ihren Alltag religiös interpretieren und dabei einen Sinn für ihr Leben finden.
Ich kann dieses außergewöhnliche Buch nur empfehlen.