Neue Zürcher Zeitung
Das historische Buch
Terra incognita
Eine Geschichte der Mongolei
Vornehmlich im 20. Jahrhundert hatten sich Wissenschaft und Politik mit sogenannt «offenen Fragen» zu beschäftigen. Viele rührten von unklaren, bewusst vagen Formulierungen in völkerrechtlichen Verträgen her, einige entsprangen ungelösten Grenzkonflikten, und wieder andere waren auf unbewältigte Probleme im Zusammenhang mit Souveränität, Integrität und Unabhängigkeit ganzer Völkerschaften zurückzuführen. Jahrzehntelang hielt die «deutsche Frage» die Welt in Atem, noch immer aktuell sind die «Balkan»- und die «Palästinafrage», und in einigen Jahren wird vielleicht auch die «mongolische Frage» wieder diskutiert werden müssen. Ein solches Erwachen, das der Mongolen-Experte Udo B. Barkmann in seinem Buch mit dem Hinweis darauf, dass die heutige Mongolei als klassischer Pufferstaat zwischen China und Russland seit 1946 (auch von China) völkerrechtlich anerkannt ist, allerdings eher ausschliesst, könnte dann eintreten, wenn im Zuge einer möglichen Schwächung der Zentralmacht in Peking panmongolisches Gedankengut, wie es im Laufe der wechselvollen Geschichte jenes hauptsächlich lamaistisch geprägten Gebietes immer wieder geträumt wurde, Auftrieb erhielte oder sich mongolische Stämme in den autonomen Republiken Russlands Tuwa und Burjatien plötzlich ihres gemeinsamen kulturellen und geistigen Erbes besännen.
Potentielle Konflikte resultieren auch aus der Tatsache, dass sich Mao während des chinesischen Bürgerkrieges nur ungern dem Druck Stalins gebeugt hatte, die Äussere Mongolei in die Unabhängigkeit zu entlassen, oder dass Sowjetrussland in den 1920er Jahren, als die Mongolei eine typische Geburt des weltrevolutionären Klimas jener Zeit zu einem beliebten Rückzugsgebiet für die Weissen wurde, Einigungstendenzen der Mongolen Beschränkungen in bolschewistischer Manier unterlegte. Westliche Beobachter täten gut daran, diese terra incognita eingehend zu studieren und sich eines Ausdrucks des amerikanischen Sinologen Owen Lattimores zu erinnern, der vor langer Zeit von der Mongolei als einem «leading state» sprach.
Obwohl Udo Barkmanns detaillierte historische Analyse den Gesetzen der Ereignisgeschichte gehorcht, verliert sie sich nicht in purem Zahlen- und Faktenfetischismus. Vielmehr bietet sie auch Politikwissenschaftern und Diplomaten anregende Gedankengänge und Einsichten, hauptsächlich im Bereich der sowjetischen Diplomatie und Verhandlungsführung. Ob deren Winkelzüge, das Hintertreiben und gegenseitige Ausspielen der jeweiligen Gesprächspartner, Relikte aus früheren Zeiten darstellen, bleibt dem Urteil des Spezialisten überlassen. Jedenfalls ist man klug beraten zu bedenken, dass das, was in Europa der Vergangenheit angehört, andernorts Zukunft bedeuten kann.
Matthias Messmer
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2000
Matthias Messmer weist zunächst darauf hin, wie wichtig es seiner Ansicht nach ist, sich frühzeitig mit der "mongolischen Frage" zu beschäftigen. Denn ähnlich wie auf dem Balkan oder in Palästina müsse man unter Umständen in Zukunft auch bei mongolischen Stämmen damit rechnen, dass sich diese "plötzlich ihres gemeinsamen kulturellen und geistigen Erbes besännen". Konfliktpotential jedenfalls sei nicht nur aufgrund der Pufferstaat-Funktion zwischen China und Russland in hohem Maße gegeben. An Barkmanns Buch lobt Messmer einerseits die "detaillierte historische Analyse", andererseits verliere er sich nie in "purem Zahlen- und Faktenfetischismus". Vor allem jedoch biete er Denkanstösse und Einblicke in besonders die sowjetischen Verhandlungsstrategien.
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