Das Buch zur Geschichte der Leben-Jesu-Forschung des Mediziners und Theologen Albert Schweitzers gilt mit Recht als sein theologisches Hauptwerk. 1906 in erster Auflage erschienen, hat sich Schweitzer die Mühe gemacht, den damaligen Stand der Geschichte der Erforschung des Historischen Jesus zu skizzieren und mehr noch die Geschichte dieser Erforschung nachzuzeichnen. Bei Reimarus angefangen liefert Schweitzer einen großartigen und groß angelegten Forschungsbericht über die wie er selbst sagt "größte Tat der deutschen Theologie". Die Grundlagen der Überlieferung zu Jesus von Nazareth wurden hinterfragt, nicht immer, aber doch überwiegend von Theologen selbst. Die Theologie reflektierte über ihren grundlegendsten Gegenstand und kam zu ganz unkirchlichen Ergebnissen. Interessant ist es auch heute noch, den Gang der Forschung von den noch anonymen Anfängen bei Reimarus, über den Rationalismus, David Friedrich Strauß, Bruno Bauer, Ernst Renan, Arthur Drews, Johannes Weiß bis hin zu William Wrede zu verfolgen, der mit seinem Buch über das Messiasgeheimnis (auch ein Klassiker der Theologie) nachgewiesen hat, dass dieses Geheimnis eine Konstruktion des Evangelisten Markus ist, um das eigentlich unmessianische Leben des Prediger Jesus von Nazareth zu erklären.
Zu Wort kommen aber nicht nur diese bekannten Namen der Theologie, sondern auch viele andere Forscher aus dem 19. Jahrhundert, die selbst vielen Theologen heute unbekannt sein dürften. Geschildert werden auch die Entwicklung der Markushypothese, die historische Bewertung des Johannesevangeliums, Einflüsse des Judentums (die Forschung hierzu steckte damals allerdings noch in den Kinderschuhen), die religionsgeschichtliche Fragestellung und natürlich auch die Frage der Eschatologie. Es war eine Erkenntnis der Forschung, dass Jesus viel weniger der Bringer von etwas Neuem (einer neuen Ethik, eines inneren Reiches Gottes, wie es die liberale Theologie noch gesehen hatte) war, als vielmehr ein Repräsentant des Spätjudentums mit apokalyptischen Vorstellungen, die sich nur schwer für eine heutige Zeit nutzbar machen lassen.
Durch sein opulentes Werk bietet Schweitzer einen einzigartigen Blick in das Ringen um das Verständnis des historischen Jesus. Für Nichttheologen sind die Vielzahl der gelieferten Anschauungen und Positionen vielleicht etwas schwer nachzuvollziehen, auch die vielen heute längst vergessenen Namen erschweren eine Einordnung, deshalb nur bedingt zu empfehlen. Wer aber selbst sich in der neutestamentlichen Forschung etwas auskennt und die Argumente nachvollziehen kann, für den ist das Buch von Schweitzer eine Fundgrube. Man wünschte sich, Schweitzer würde auferstehen, um auch noch die folgenden 100 Jahre bis in unsere Gegenwart in sein Werk aufzunehmen, denn etwas Vergleichbares gibt es bisher nicht.
Schweitzers Stil ist mitreißend, engagiert, sehr bildhaft und gegenständlich, sprachvirtuos, es ist ein Genuss, seinen Ausführungen zu folgen. Zweifellos ein Meisterwerk, das fünf Sterne verdient hat, auch wenn es etwas in die Jahre gekommen ist.