Hans Delbrücks Geschichte der Kriegskunst ist heute noch so innovativ und modern wie bei ihrem Erscheinen vor über achtzig Jahren. Mit erstaunlichem Nachdruck macht dieses Werk deutlich, daß die Wissenschaftsgeschichte nicht gradlinig verläuft. Manchmal gehen wichtige Erkenntnisse verloren und müssen von späteren Generationen mühsam wiedergewonnen werden.
Anders als viele heutige Historiker wußte Delbrück nicht nur theoretisch, daß Armeen als soziale Organisationen in den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ihrer Zeit wurzeln, sondern brachte diesen Zusammenhang auch auf Schritt und Tritt in seiner Darstellung zur Geltung. Warum griechische Phalanx und römische Legion ohne den antiken Stadtstaat undenkbar gewesen wären, die mittelalterlichen Ritteraufgebote aber den Feudalismus und die neuzeitliche Infanterie der Schweizer unabhängige Gemeinden bäuerlicher Bergbewohner voraussetzten, wird in keiner anderen Militärgeschichte so eindringlich herausgearbeitet.
Dieser ganzheitliche Zugriff, die Fähigkeit, eine Heeresorganisation in ihrem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen, erlaubte es Delbrück, tiefe strukturelle Veränderungen in der Kriegsgeschichte weit besser zu erklären als die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger. So konnte er zeigen, daß die klassische römische Armee, jene Institution, der die Stadt am Tiber ihre Weltherrschaft verdankte, in der großen Krise des dritten Jahrhunderts n. Chr. zugrunde ging. Danach verteidigte sich das Reich zwar noch mühsam mit germanischen Söldnern, aber sein Untergang war lediglich eine Frage der Zeit. Die Völkerwanderung war also nicht der Höhepunkt des Kampfes von Römern und Germanen, sondern eine Auseinandersetzung der Germanen untereinander - der von außen eindringenden gegen solche, die in römischen Diensten standen. Nirgends konnte ich bislang eine überzeugendere Erklärung für den Fall des Römischen Reiches finden.
Schonungslos räumt Delbrück mit dem Mythos auf, die Niederlage des Rittertums am Ende des Mittelalters verdanke sich den aufkommenden Feuerwaffen. In den Burgunderkriegen, der entscheidenden Auseinandersetzung der alten Ritteraufgebote mit der neuen Infanterie der Schweizer, wurden die Feuerwaffen vielmehr auf Seiten der Burgunder eingesetzt und konnten den Untergang des Rittertums nicht verhindern. Die militärische Revolution der Neuzeit ging von einer taktischen Innovation aus, nicht von einer neuen Technologie. Das Rittertum verschwand nicht wegen, sondern trotz der Feuerwaffen.
Generationen späterer Historiker scheinen von diesen Zusammenhängen nie gehört zu haben. In ihren Augen ist die Militärgeschichte nach wie vor ein Unterkapitel der Technikgeschichte. Man vergleiche nur die einschlägigen Darstellungen W. H. McNeills (Krieg und Macht. Militär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute. München 1984), John Keegans (Die Kultur des Krieges. Reinbek 1997), Azar Gats (War in Human Civilization. New York 2006) oder G. Parkers (Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800. Frankfurt 1990). Delbrücks Einsichten machen deutlich, warum kriegshistorische Forschungen keine Liebhaberei, sondern zum Verständnis der allgemeinen Geschichte unverzichtbar sind.
Mit der Unterscheidung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Formen der Kriegsführung - der Niederwerfungs- und der Ermattungsstrategie - gelang es Delbrück, die Wechselwirkung von Krieg und Politik auf neuartige Weise auszuleuchten. Während der Niederwerfungsstratege versuche, den Gegner militärisch auszuschalten, um ihm dann die Friedensbedingungen zu diktieren, begnüge sich der Ermattungsstratege mit Teilerfolgen, die ihm als Druckmittel für einen vorteilhaften Verständigungsfrieden dienten.
Welche der beiden Strategien sinnvoll sei, hänge vom Kräfteverhältnis, den allgemeinen Bedingungen der Zeit sowie dem politischen Ziel ab. Daher dürfe man die Ermattungsstrategie nicht für eine minderwertige Form der Kriegsführung halten. Perikles, Hannibal und Friedrich der Große, die in richtiger Einschätzung ihrer Möglichkeiten nur begrenzte Erfolge anstrebten, seien keine schlechteren Feldherren als Caesar oder Napoleon gewesen, die in der Regel den Entscheidungssieg suchten.
Ein weiterer zentraler Gesichtspunkt, der Delbrücks Werk durchzieht und seine enorme Stoffülle übersichtlich macht, ist die Entwicklung des "taktischen Körpers", die von der antiken Phalanx über den Gevierthaufen der Schweizer bis zur Lineartaktik des Siebenjährigen Krieges nachgezeichnet wird. Durchgehend bestätigt sich dabei die sekundäre Rolle von Technik und Bewaffnung in der Kriegsgeschichte.
Delbrücks wichtigste methodische Neuerung war die "Sachkritik". Im Unterschied zur traditionellen Quellenkritik, der es nur um die Überprüfung von Parteilichkeit und innerer Logik der Überlieferung geht, sollte die Sachkritik darüber hinaus die reale Möglichkeit der Quellenangaben untersuchen. Ein Beispiel: Herodot beziffert das Perserheer auf über vier Millionen Mann. Können die Perser im 5. Jh. vor Chr. ein solches Heer einheitlich bewegt und verpflegt haben, wenn Napoleon später mit all den Hilfsmitteln seiner Zeit schon daran scheiterte, nur 600.000 Soldaten in Rußland zu versorgen? (Man kann den Gedankengang fortsetzen: Die Wehrmacht geriet trotz Eisenbahn, LKWs und Flugzeugen in erhebliche logistische Schwierigkeiten als sie die Sowjetunion mit etwa drei Millionen Mann angriff).
Ausgehend von derartigen Überlegungen schritt Delbrück zu einer gründlichen Revision der überlieferten Zahlenangaben. Die Perser waren zahlenmäßig nicht stärker, sondern schwächer als die Griechen. Alexander der Große wie auch Cäsar konnten sich in jeder ihrer Schlachten auf die eigene numerische Überlegenheit verlassen. Die Germanenheere, die das Römische Reich eroberten, zählten kaum mehr als 10-15.000 Mann, usw.
Indem er seine realistische Korrektur der Heereszahlen durch eine gründliche Berücksichtigung topographischer, organisatorischer, psychischer und politischer Gegebenheiten ergänzte, gelangen Delbrück Rekonstruktionen von Schlachten und Feldzügen, die bis heute mustergültig sind. Vergleicht man damit die teilweise kritiklose Hinnahme auch absurdester Quellenangaben in den Arbeiten neuerer Historiker (siehe z. B. John Keegans Darstellung der Schlacht von Azincourt in seinem Buch: Das Antlitz des Krieges. Düsseldorf 1978), kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß noch viel Zeit vergehen dürfte, bis die Militärgeschichtsschreibung wieder das Niveau Delbrücks erreicht haben wird.