Durch dies Buch habe ich mich hindurch gequält Kapitel für Kapitel, Absatz für Absatz - bis zur letzten Seite. Es kostete mich viel mehr Zeit als 124 Seiten erwarten lassen.
Ich glaube, dass vier Eigenschaften des Textes für die langdauernde Qual verantwortlich sind. In der Reihenfolge zunehmenden Gewichts sind es:
1. Weitschweifige Aufzählungen von Daten.
Wer will denn sieben Seiten über den Wasserbedarf der Stadt, Niederschlagsmengen und Temperaturen, Prozentsätze am Steueraufkommen, die zahlreichen Namen der Stadt und sogar über die ihrer Stadtteile lesen?
2. Fremde Begriffe werden benutzt, aber nicht erklärt, wie z.B. Yalis, Chane, Konaks u.v.a.
3. Wichtige Dinge werden nicht ernsthaft genug abgehandelt.
Bei dem lateinischen Kaisertum (1204-1261) ist nur von finanziellen Engpässen die Rede, die sozialpsychologischen Ursachen von dessen raschem Niedergang werden gar nicht angesprochen.
4. Die gebrachten Informationen passen nicht zum Titelthema.
Im Abschnitt "Blütezeit" stellt der Autor eine Schilderung der vier blühenden Jahrhunderte Konstantinopels vor 1204 in Aussicht. Und was kommt? Sechs Seiten, in denen man die vierhundertjährige Blütezeit der Stadt mit der Lupe suchen muss: Ein neuer Palast, eine neue Kirche, Renovierung von 30 kleinen Kirchen, Stiftung von Klosterkomplexen, Lob eines Reisenden. Das ist alles! Die Hauptrollen spielen Themen, die mit "Blütezeit" wenig zu tun haben: Das "Zeremonienbuch" und das "Eparchenbuch", die Quälereien, denen der Gesandte Ottos des Großen in Konstantinopel ausgesetzt war und die ersten drei Kreuzzüge, alle einzeln beschrieben. - Der Leser wird also einem Potpourri von Informationen ausgesetzt, die aber fast nichts mit der Blütezeit Konstantinopels zu tun haben (man lese zum Vergleich die farbige Schilderung der Blütezeit bei B. Moser und M.W. Weithmann: Kleine Geschichte Istanbuls, Regensburg 2010, S.60 f.).
Der Autor ordnet sein zweifellos großes Wissen nicht unter Oberbegriffe. Dieser Befund, der in der Mehrzahl aller Kapitel und auch innerhalb einzelner Absätze zu konstatieren ist, ist das zentrale Gebrechen des Buches!
Durch die weitgehend fehlende begriffliche Strukturierung muss der Leser seine Erwartung auf intellektuelle Führung aufgeben und ertrinkt in der Wirrnis des kaum geordneten Stoffs. Zwangsläufig stellt sich das Gefühl einer zähen und letztendlich zermürbenden Lektüre ein.
Ich empfehle als Alternative das schon genannte, gleichfalls schmale Bändchen von Moser und Weithmann, das auch die "ganze" Geschichte Istanbuls - von der Antike bis zur Gegenwart - behandelt, und das ein kleines Wunderwerk intellektueller Präzision und stilistischer Brillanz ist.