Ingenieur - ein junger Begriff für eine alte, technisch ausgerichtete Tätigkeit, die in Vorderasien mit der Errichtung von Großbauten und Bewässerungsanlagen beginnt. Bereits im 4. Jh. v. Chr. beschrieb Aristoteles das dahinter stehende menschliche Streben: Mit Hilfe der Techne (=Technik) beherrschen wir das, dem wir von Natur aus unterlegen sind."
Eine starke Ausrichtung auf Bautechnik prägt die ersten beiden Kapitel des Buches, denn Kräne und andere Vorrichtungen zur Vervielfältigung der menschlichen Arbeitskraft waren wesentliche Aufgaben der ersten (Bau)Ingenieure. (Dem Ingeniör ist nichts zu schwör" weiß der Volksmund...). Hier liegt auch die Stärke der Römer, deren für die Ewigkeit errichteten Nutzbauten heute noch die eindrucksvollsten Zeugnisse antiker Ingenieursleistungen darstellen. Durch einen Glücksfall blieb aus dieser Epoche das umfassende Werk des Architekten Vitruvius über antike Technik erhalten - samt seiner aktuell anmutenden Klage, dass erfolgreiche Sportler mehr Ruhm ernten würden als Philosophen und Techniker, deren Erkenntnisse doch für die ganze Menschheit von Nutzen seien...
Komplexere Maschinen treten seit dem 3. Jh. vor Chr. auf (Automaten aus Alexandria), später kommen Wassermühlen dazu. Im Buch wird dieser Bereich der antiken (Fein)Mechanik leider etwas stiefmütterlich behandelt, so taucht die rätselhafte Antikythera-Maschine mit ihrem komplizierten Zahnräderwerk überhaupt nicht auf. Auch die Kugellagerplattformen aus den Nemisee-Schiffen fehlen und selbst das hochinteressante spätantike Kriegshandbuch (De rebus bellicis) wird nur ohne Namensnennung erwähnt, obwohl es z.B. die ungewöhnliche Darstellung eines Schaufelradschiffes enthält (Wer dazu Abbildungen sucht, findet sie z.B. im Anhang des historischen Romans Der Abend des Adlers").
Nach dem Zusammenbruch der antiken Zivilisation vergeht ein Jahrtausend, bevor im Hochmittelalter mit dem Mühlenbau, der Errichtung gotischer Kathedralen und der Erfindung von Geschützen ein neuer Aufschwung der abendländischen Technik einsetzt (auf die sich das Buch konzentriert). Ein Renaissancegenie wie Leonardo da Vinci zeigte, welche hochfliegende Ideen damals bereits möglich waren, aber noch an den unzureichend entwickelten mechanischen Möglichkeiten scheiterten.
Mit dem Aufkommen der Drucktechnik ändert sich die Situation grundlegend, da jetzt die Publizierung der eigenen Leistungen (statt Geheimhaltung) zum Motor für das weitere Vorankommen wird. Um dennoch neue Ideen zu schützen, entwickelt sich das Prinzip der vom Landesherren ausgestellten Schutzbriefe, der Vorläufer unserer Patente, und eine erste allgemein anerkannte Definition des Berufsbildes: Eine geistige Tätigkeit (im Gegensatz zum Handwerker), auf naturwissenschaftlicher Grundlage, dem Allgemeinwohl verpflichtet und bestrebt, stets Neues zu schaffen.
Im 18. Jh. entwickelt Frankreich das Prinzip der staatlich geregelten, formalisierten Ausbildung in den militärisch ausgerichteten Akademien, während sich das liberale England durch die Initiative einzelner, häufig aus einfachen Verhältnissen stammender, Autodidakten an die Spitze der industriellen Revolution setzt. Diese Position verliert das Land erst nach 1850 an die USA und Deutschland, als die Technik zu komplex wird, um durch Erfahrungswissen ohne viel theoretischen Hintergrund bewältigt zu werden.
Spannend ist das Buch auch durch die Schilderung der sozialen Position der Ingenieure (z.B. in den USA), sowie durch die in den zwanziger-Jahren in Deutschland geäußerten Klagen, die Ingenieure seien zu wenig an der Gesellschaft interessiert, kümmerten sich zu wenig um die wirtschaftlichen Aspekte und es gäbe zu wenig Frauen in dem Beruf....
Die Schilderung der technischen Höchstleistungen der Ingenieure seit 1945 umfasst auch ein eigenes Kapitel über Ingenieure in der DDR.
Insgesamt ein sehr empfehlenswertes, für den Preis günstiges Buch!