"Biografiearbeit" bedeutet die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte, d. h. mit dem Verstehen und Verarbeiten der Vergangenheit, einer Bewusstheit für die Gegenwart und einer gewissen Vorstellung von der eigenen Zukunft.
Warum diese Aspekte für die gesunde Entwicklung eines Menschen so wichtig sind, wird bereits im ersten Abschnitt des Buches "Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte" von Birgit Lattschar und Irmela Wiemann als zentrales Thema sehr gut herausgearbeitet.
Ob es darum geht, sich selbst zu reflektieren, der Nachwelt Erlebtes und Erfahrenes anhand von Tagebüchern und Autobiografien zu hinterlassen, oder Schmerzen und Traumata zu überwinden, es scheint immer ein dringendes Bedürfnis vorhanden zu sein, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um sich in sein Leben gut integriert zu fühlen.
Mit diesem Wissen dokumentieren viele Eltern deshalb bewusst die erste Lebenszeit ihrer Kinder anhand von Fotos, Filmen und schriftlichen Aufzeichnungen. Was aber, wenn Kinder in den ersten Lebensmonaten bzw. -jahren nicht in ihrer ursprünglichen Familie leben und aufwachsen konnten? Einige haben vielleicht problematische und traumatisierende Situationen erlebt. Sie haben evtl. mit Notaufnahmen, Heimeinrichtungen oder Pflege- und Adoptionsfamilien ihre Erfahrungen gemacht. Manchmal ist der Faden zu ihren biologischen Wurzeln sogar ganz abgerissen und es gibt Brüche in der Biografie. Die Vergangenheit ist vielleicht lückenhaft aufgezeichnet und die Zukunft noch unklar.
Hier bietet das Buch von Frau Wiemann und Frau Lattschar begleitenden Erwachsenen mit vielen Informationen, Ideen und Vorlagen, z.B. für die Erstellung eines Lebensbuches, Stammbaums oder Familienrads, eine große Hilfe. Wertvolle Anregungen werden im Hinblick auch auf das Arbeiten mit Gruppen gegeben. Das Besondere an diesem Buch sind die vielen praktischen und kreativen Beispiele, die gut umsetzbar, anregend und variierbar sind. Es bedarf vor allem keiner therapeutischen Ausbildung um hiermit umzugehen und arbeiten zu können. Als Anregung für Eltern, Pflegeeltern und Fachleuten ist es gleichermaßen geeignet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es interessant ist, das Eine oder Andere auch an sich selber auszuprobieren. Für meine Arbeit mit einer Gruppe von Bereitschaftspflegeeltern dient es mir als eine wichtige Grundlage. Besonders wertvoll empfinde ich dabei die Vorschläge für Gespräche mit Kindern zu schwierigen Themen, wie z.B. zu Sucht, Gewalt, Suizid und Misshandlung in der Herkunftsfamilie.
Ich empfehle das Buch auch Eltern und Kollegen, die mit Jugendlichen zu tun haben und mit diesen gerade eine schwierige Zeit durchleben. Hier kann kreative Biografiearbeit meiner Erfahrung nach ein Schlüssel für Kommunikation sein. Auch hierfür finden sich im Buch viele gute Anregungen. Deshalb finde ich es sehr empfehlenswert. 5 Sterne!