Ich fand dieses Buch zufällig auf einer Taschenbuch-"Resterampe" und kaufte es, denn die Beschreibung im Klappentext und der Aufkleber "Nobelpreis für Literatur" ließen mich ein gutes Buch erwarten. Nun ist das mit guten Büchern natürlich so eine Sache - eine Geschmackssache nämlich.
Um es vorweg zu nehmen: Meinen Geschmack hat das Buch nicht getroffen.
Die Autorin entwirft die düstere Zukunftsvision einer fernen Zeit, in der einige epochale Ereignisse schon längst wieder Vergangenheit sind: Das Mittelmeer trocknete aus, Europa wurde von eiszeitlichen Gletschern komplett bedeckt und seine Bewohner flohen auf die Tiefen des nun trockenen Meeresgrunds und nach Afrika. Dabei gingen im Laufe der Generationen nach und nach fast alles Wissen über die Geheimnisse der Welt und viele technische Errungenschaften verloren.
In der Gegenwart des Buchs erleben die Hauptfiguren die Folgen einer weiteren Umwälzung, denn die Eiszeit ist auf dem Rückzug. Das Eis schmilzt, weite Landstriche werden von dem nun wieder steigenden Wasserspiegel überflutet und versumpfen. An der ehemaligen Meerenge von Gibraltar stürzt der Atlantik als Wasserfall in das Becken des trockenen Mittelmeers und füllt es wieder. So sind nun auch die Städte, die selbst nur ein Abglanz der alten europäischen Metropolen waren, schon längst wieder im Wasser versunken und mit Ihnen auch die letzten Reste des alten Wissens.
Die Menschheit plagt sich mit den Folgen dieser Entwicklung und lebt auf einem afrikanischen Kontinent, der von Dürren und Misswirtschaft, Bürgerkriegen und unmenschlichen Grausamkeiten heimgesucht wird (sicher eine gewollte, traurige Parallele zum Afrika unserer Zeit).
So weit, so gut. Diese Vision der Autorin ist unbestritten großartig und bietet außerordentliches Potential für eine gute Geschichte.
Dieses wird, meiner Meinung nach, jedoch weitgehend verschenkt. Das Buch fokussiert sich fast ausschließlich auf die emotionalen Aspekte seiner Hauptperson, General Dann.
Dann leidet darunter, das Wissen der Vergangenheit verloren zu sehen, unter dem Verlust seiner Schwester und der erlebten Grausamkeiten bei der Durchquerung des Kontinents - letztes bezieht sich auf den Vorgängerroman (den ich nicht gelesen habe). Ausführlich wird auf seine schizophren-depressiven Stimmungen und die Verzweiflung über die eigene Unwissenheit im Angesicht der Relikte einer versunkenen Hochkultur eingegangen. Dutzende Seiten lang wird ausführlich jede Nuance seiner emotionalen Leere und Verzweiflung beschrieben, während sich die Handlung teils kaum entwickelt, teils mit zeitlich-inhaltlichen Sprüngen zu kämpfen hat.
Trotz der langen Passagen über Danns Gefühle sind diese für mich ebenso schwer nachvollziehbar wie die positiven Erwartungen und die treue Verbundenheit, die alle weiteren Charaktere mit seiner Person verknüpfen. Das Buch liefert hier keine Substanz, vieles bleibt im Unklaren, die Mythen und Legenden zu seiner Person werden allenfalls angedeutet. Eine erkennbare Entwicklung der Charaktere findet ebenfalls nicht statt, so dass der Leser auch hieraus keine Unterhaltung beziehen kann.
Am Ende bleibt ein Buch, das statt einer spannenden Geschichte nur ein ellenlanges, düsteres und dennoch seltsam blasses Psychogramm bietet. Dieses wird mit einer holperigen Rahmenhandlung verbunden, die außerdem abrupt endet und alle Fragen des Lesers unbeantwortet lässt. Für die intelligente Vision einer fernen Zukunft gibt es von mir 2 Sterne, die Geschichte selbst bleibt bei dem Versuch, einen Mythos zu erzählen und die restlichen 3 Sterne schuldig.