Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: Verlag C. H. Beck, 2006. 320 S. ISBN 978-3-406-54962-5. Brosch. EUR 19,90.
Dies.: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München: Verlag C. h. Beck, 2007. 160 S. ISBN 978-3-406-56202-0. Geb. EUR 16,90.
Die Verf.in hat mit diesen Bänden in kurzer Zeit zwei wichtige Beiträge zur öffentlichen Geschichtspolitik in Deutschland vorgelegt, die ihr jeweils eigenes Gewicht haben.
Jeder der Bände kann für sich gewinnbringend gelesen werden, empfehlenswert ist jedoch, den ersten vor dem zweiten zu lesen, da hier das wissenschaftliche Handwerkszeug, das im zweiten Band angewendet wird, dargelegt und expliziert wird.
Entsprechend ihrem seit Jahren entwickelten metahistorischen Ansatz legt die Verf.in dar, wie es ihrer Überzeugung nach von der individuellen zur kollektiven Konstruktion der Vergangenheit kommt. Sie unterschiedet hierzu unterschiedliche Gedächtnisse, die ihre jeweils eigene Rolle und Funktion haben: das individuelle Gedächtnis, das soziale Gedächtnis, das kollektive Gedächtnis, das politische Gedächtnis, das nationale Gedächtnis (kritisch den Ansatz von Ernest Renan würdigend), das kulturelle Gedächtnis, schließlich Speichergedächtnis und Funkionsgedächtnis.
Das erste Kapitel der theoretischen Grundlagen schließt die Verf.in mit den bedeutungschweren Worten: Wir sind, (...), zu ganz wesentlichen Teilen das , was wir erinnern und vergessen. Unsere Erinnerung hat dabei nicht nur anden Erinnerungen anderer teil, sondern auch an dem symbolischen Universum kultureller Objektivationen.
Im zweiten theoretischen Teil sind Grundbegriffe und Topoi des individuellen und kollektiven Gedächtnisses Gegenstand der Analyse und Darstellung: Wer erinnert sich?, Sieger und Verlierer, Oper und Täter, Die Figur des Zeugen, Wer wird erinnert? Trauma, Beschweigen, Vergessen, Trauer.
In den Analysen und Fallbeispielen, denen zwei Drittel des Buches gewidmet sind, wendet die Verf.in das begriffliche Werkzeug überzeugend an. Sie analysiert brilliant die unterschiedlichen Perspektiven der Erinnerung an Auschwitz bei LEVI und KOSELLECK, die Lebensgeschichten der diachronen Doppelgänger SCHNEIDER/SCHWERTE und DÖSSECKER/WILKOMIRSKI, die Unangemessenheit der Rede JENNINGERS vor dem Bundestag. Immer wieder greift sie auf M. HALBWACHS' Theorie des Gedächtnisrahmens zurück, um deutlich zu machen, dass Erinnern nicht nur ein individueller Akt - mit allen notwendigen, neuronal und personal bedingten Fehlleistungen - ist, sondern in sozialen und politischen Kontexten sich vollzieht.
Im zweiten zu besprechenden Buch sind vor allem die Kapitel, die sich mit der Aufeinanderfolge und dem Zusammenhang der Generationen im 20 Jahrhundert befassen, besonders lesenswert. Die Entdeckung der 45er Generation und deren Bedeutung für die 68er Generation ist gerade im Jahr 2008, in dem es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Jahren 68 und danach zu kommen scheint, von Interesse. Ausgehend von SCHELSKYS Porträt der skeptischen Generation - das sind die Mitte bis Ende der 20er Jahre Geborenen - als entpolitisiert und entideologisiert, dafür aber ungewöhnlich lebenstüchtig und innovativ - wird deren Rolle als wegweisende Modernisierer der bundesrepublikanischen Gesellschaft beschrieben. Als Persönlichkeiten, die ihren jeweiligen Wissenschaften ein neues Gepräge gaben, werden beispielhaft genannt: Wolfgang ISER für die Literaturwissenschaft, Dieter HENRICH für die Philosophie, Helm STIERLIN für die Psychotherapie, Ralf DAHRENDORF, Niklas LUHMANN und Jürgen HABERMAS für die Soziologie und Reinhard KOSELLEK für die Geschichtswissenschaft. Ergänzen könnte man Hermann BAUSINGER für die Volkskunde, Hans ALBERT für die Wissenschaftstheorie und Martin WALSER und Günter GRASS für die Literatur. Odo MARQUARD als Protagonist einer bewusst skeptisch-ironischen Philosophie sollte nicht vergessen werden. Aber hier fallen jedem, der in den 60er und 70er Jahren studiert hat, sicher zahlreiche Vertreter eines bewusst modernisierungsorientierten, pragmatischen Wissenschaftsverständisses ein, mit denen man sich auseinanderzusetzen hatte. Die Verf.in räumt ein, dass ihr die Bedeutung der 45er Generation selbst erst in jüngerer Zeit klarer geworden sei. Es ist zu hoffen, dass sie der Erforschung und Würdigung dieser verdienstvollen Generation weitere Forschungsarbeiten widmen wird.
Wie alle Werke der Verf.in bieten auch ihre beiden aktuellen Bände wertvolle Anregungen zum gesellschaftlichen Diskurs über die bundesdeutsche Erinnerungskultur und Geschichtspolitik und zur Analyse des eigenen Selbst- und Weltverständnisses. Insofern nimmt sie ein herausragende Stellung im großen Chor der Geschichts- und Gegenwartsdeuter ein.
Hartmut Boger, Wiesbaden