Wenn ich überhaupt etwas an diesem Buch kritisieren würde, dann die Tatsache, dass es noch viel zu wenig in Deutschland gelesen wird. Ernst Weisenfelds "Geschichte Frankreichs" ist für mich das wichtigste Werk zur deutsch-französischen und damit zur europäischen Zusammenarbeit (ohne diese Epoche von 1945 bis heute würden Deutschland, Europa und die Welt heute anders aussehen). Diese für uns alle so wichtige Entwicklung hat sich im Zusammenhang großer Namen abgespielt: De Gaulle, Adenauer, Pompidou, Giscard d'Etaing, Scheel, Brandt, Schmidt, Genscher, Mitterand, Kohl bis zu Fischer, Chirac u.a. Völlig unabhängig, ob der eine oder andere zu unseren politischen Favoriten oder Gegnern gehört, haben sie Geschichte und damit unser Leben gestaltet. Dabei wurden sie - und deren politisches, soziales, wirtschaftliches und kulturelles Umfeld - 50 Jahre lang von Ernst Weisenfeld beobachtet, begleitet, analysiert, erklärt und kommentiert. Und das so kenntnisreich, als hätte Ernst Weisenfeld Mäuschen im Elysee-Palast gespielt, als hätte er immer daneben gesessen oder eine Vertrauensperson in Bonn und Paris gehabt. Zumindest hat er das Geschehen verfolgt, hat Archive und Bibliotheken gewälzt oder angelegt, hat alle Politiker persönlich gekannt. Was mich am meisten fasziniert: Er beschreibt das spannend wie einen Krimi, verständnisvoll wie ein Schulbuch, und doch auch kenntnisreich in Details gehend wie ein penibler Wissenschaftler. Weisenfeld würde es sich zu einfach machen, hätte er nur Fakten, Zahlen, Namen und Jahresdaten aneinander gefügt. Was dieses Buch ausmacht, sind die Hintergründe, Zusammenhänge, die subtilen Entwicklungen, das Erläutern internationaler Abhängigkeiten, vom politischen Kalkül über die Intrige bis zum verworrenen Heranreifen von Entscheidungen. Dazu muss man mehr als Journalist, mehr als Chronist sein; dafür muss man Ernst Weisenfeld heißen. Ich sehe keinen anderen deutschen Journalisten in Paris, der das über so viele Jahre so gut konnte, wie der Autor. Damit will ich Troller, Wickert oder andere nicht schmälern. Aber für meine berufliche Arbeit war und ist die Arbeit von Ernst Weisenfeld grundlegend. Alles andere konnte sich nachher wie ein Mosaik ergänzen. Das Buch müsste Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht sein.
Michael Kuss