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Produktinformation
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»Kein Buch, sondern eine Menschenseele« sahen die Zeitgenossen in der »Geschichte des Fräuleins von Sternheim«, als das Buch 1771 erstmals erschien. Ihr Romandebüt machte die Verfasserin, die von da an als »die Sternheim« galt, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur berühmtesten Schriftstellerin Deutschlands. In ihrem Hauptwerk versucht die unerfahrene, elternlose Titelheldin, sich dem ihr zugedachten Mätressenschicksal zu entziehen und flieht zu Lord Derby, einem gewissenlosen Intriganten und Verführer, dessen Absichten sie verkennt. Die Ereignisse überstürzen sich, und Sophies Gutgläubigkeit kostet sie beinahe das Leben. Erst nach vielen Prüfungen wird sie - ganz im Sinne der Empfindsamkeit - mit dem ehelichen Glück belohnt. Bedeutend ist dieser Roman nicht nur durch die einfühlsame Darstellung seelischer Vorgänge, sondern vor allem durch seine aufklärerischen Botschaften: die Kritik an der moralischen Korruption des Hoflebens, die Schilderung des Elends der armen Bevölkerung und besonders durch die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft, nach ihrer Bildung und ihren Aufgaben. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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In zwei Teilen erzählt der Briefroman von Sophie von La Roche die Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Ihrem Lebensweg liegt ein pietistisches Entwicklungsschema zugrunde. Im ersten Teil ist Sophie nämlich von naiver, empfindsamer Frömmigkeit geprägt. Ihre Eltern erziehen sie tugendhaft, was sie für ihr weiteres Leben entscheidend formt. Sie durchlebt als zweite Stufe des „Schemas“ einen Prozess des inneren Wachstums im Sinne des Pietismus, indem sie am Hofe verführt werden soll, später von einem Verehrer zu einer Scheinehe getrieben und erniedrigt wird, dann aber den Durchbruch zu einem neuen Leben schafft. Dieser Durchbruch gelingt ihr durch das Überwinden der Verzweiflung mittels Selbstständigkeit und – ganz im Sinne der Aufklärung – Erziehung anderer sowie durch pietistische Aufopferung der Sorge um ihre eigene Tugend zugunsten der Sorge für andere. Diese Selbstständigkeit zeigt sich im zweiten Teil des Romans darin, dass sie mit andern Frauen aktiv etwas aufbaut. Ihre Abneigung gegen das Hofleben und die sich dort abspielenden Intrigen verstärkt ihre Vorliebe für das Landleben, welches sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern entbehren muss. Sie vermisst diese idealisierte Welt, in der Tugendhaftigkeit, Bildung, Sinn fürs Familienleben (in welches auch die Bediensteten miteinbezogen werden), Naturgefühl, Empfindsamkeit und Wohltätigkeit einen hohen Stellenwert einnehmen. Nach der Tradition der Aufklärung ist der Roman auch erzieherisch. Sophie von Sternheim hat Vorbildfunktion für die Frauen von Stand.
Den Frauen der damaligen Zeit wird durch das im Roman entworfene Bildungsideal ein eng umgrenzter Tätigkeitsrahmen vorgeschrieben. Dieser beschränkt sich auf die Aufgaben der Frau als Gattin, Hausfrau und Mutter. Es war ihnen damals kaum möglich diesen Rahmen zu sprengen. In der streng patriarchalischen Ordnung des 18. Jahrhunderts waren die Frauen beschränkt und eingeengt, weil sie abhängig von den Männern waren, was sich auf die Bildung und damit ihr Wertesystem sowie ihre Orientierung auswirkte. In La Roches Roman werden sie aufgefordert, sich einen Freiraum zu schaffen, wie es Sophie tut: Sie bemüht sich Tugenden auszuüben (d.h. nicht nur an ihre eigene Tugend und an ihre eigene Seele zu denken) und wohltätig zu wirken, nicht nur so zu denken. Sophie hat die Fähigkeit die materiellen und geistigen Leiden ihrer Mitmenschen wahrzunehmen, Mitleid mit ihnen zu empfinden und Wohltätigkeit und tugendhaftes Denken in Taten umzusetzen. Mit Kampf, Gewalt und Macht, auch mit den „Werten“ des absolutistischen Hofes resp. der adeligen Kreise am Hofe kann sie sich nicht identifizieren.
In La Roches empfindsamem Briefroman kann man auch typische Elemente anderer Epochen erkennen. Das thematisierte psychologische Einfühlungsvermögen Sophies deutet beispielsweise auf Sturm und Drang voraus. Die Bedeutung des Romans für die damalige Gesellschaft liegt darin, dass mit ihm erstmals ein empfindsamer Tugend- und Familienroman in deutscher Sprache entstand; Leser solcher Texte waren vorher auf englische Romane angewiesen, die auch La Roche als Vorbilder dienten: Sie wurde von Richardsons puritanischem Frauenbild angeregt. Die von ihm beschriebenen Frauen sind gottgefällig und bereit einfach zu leben. So entstanden viele Parallelen zwischen Richardsons und La Roches Schreiben. Diese zeigen sich beispielsweise in der Ähnlichkeit einiger Protagonisten sowie bestimmter Motive des Romans: die Entführung der Heldin durch den intriganten, verschmähten Liebhaber oder das Sterben des Bösewichts voll Reue. Doch im Vergleich zu Richardson geht La Roche insofern einen Schritt weiter, dass sie ihre Protagonistin nicht nur passiv leiden, sondern aktiv handeln lässt. Wir denken, La Roche geht über Richardson hinaus, weil sie als Frau über eine Frau schreibt, ihre persönlichen weiblichen Erfahrungen, Beobachtungen, Gedanken und Gefühle ins Schreiben mit einbeziehen kann. So gelingt es ihr, das gefühlvolle Seelenbild einer tugendhaften Frau, und zwar ganz aus der Perspektive dieser Frau, die ein Vorbild für die Töchter und Frauen des begüterten Bürgertums darstellt, zu beschreiben.
La Roche lässt ihre Utopien im Roman durch Sophie von Sternheim verwirklichen. Dabei lassen sich folgende nicht autobiografische Züge herausgreifen: Die Selbstständigkeit, welche Sophie erreicht, bleibt für La Roche ein unerfüllter Wunsch. Die Erziehung, welche die Autorin ihren Kindern weitergibt, befriedigt sie nicht vollständig; Sophie gibt diese in einer von La Roche erwünschten Art und Weise an viele Kinder weiter. Die Bildung, die sich La Roche für die Frauen wünscht, darf Sophie erfahren, denn sie wird gezielt von ihren Eltern gefördert, La Roche hingegen muss sich alles aus eigener Initiative aneignen.
Auf der anderen Seite sind beide, sowohl La Roche als auch Sophie von Sternheim, wissbegierig und lernfähig. Sie eignen sich beide durch Lesen ein erweitertes Wissen an.
Aus heutiger Sicht mögen die Aktivitäten des Fräuleins von Sternheim, ihre Tugendhaftigkeit und ihr wohltätiges Handeln, widersprüchlich und wirkungslos erscheinen, und man mag der Autorin die fehlende Gesellschaftskritik ankreiden, da sie nicht die Ständeordnung selbst angreift, sondern ihr ein Plan zur “Veredelung“ ihrer eigenen Gesellschaftsschicht sowie des „Gesindes“ vorschwebt.
Die von La Roche gewählte Sprache weicht vom damals üblichen Sprachgebrauch ab. Dies geschieht nicht im Bewusstsein der Autorin, sondern entspringt ihrer Originalität und Natürlichkeit. Auch besass die Literatursprache des 18. Jahrhunderts grundsätzlich noch weit grössere Unfestigkeit und Willkür als die heutige Sprache. Viele Unebenheiten in La Roches Sprachgebrauch lassen sich zudem auf ihren schwäbischen Dialekt zurückführen. Unserer Meinung nach passt die Sprache aufgrund ihrer empfindsamen Züge sehr gut und wir empfinden sie keineswegs als störend.
Aus der heutigen Zeit betrachtet, in welcher die Frau eine andere Stellung in der Gesellschaft einnimmt, denn sie hat die Emanzipation (fast) abgeschlossen, fällt es einem teilweise schwer Sophie von Sternheims Handeln nachzuvollziehen. Uns scheint es, man kann die Sternheim als eine Frau bezeichnen, die gewillt ist, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Mit ihren Gefühlen können wir uns durchaus identifizieren. Nach anfänglichen Verständnisschwierigkeiten und Mühen mit der stockenden Handlung lasen wir uns mehr und mehr in die Geschichte ein. Dabei entstanden Sympathien bzw. Antipathien gegenüber verschiedenen Personen. Das äussert sich darin, dass wir die Briefwechsel bestimmter Personen bevorzugten. Da wir beide sehr gefühlsbetonte Menschen sind, konnten wir uns im Besonderen für die empfindsamen Beschreibungen der Gefühle begeistern. Beim Lesen dieses Romans gelang es uns einen guten Einblick in die Epoche und die damals herrschende Gesellschaftsordnung zu bekommen.
Salome Koprio und Clelia Seifert,
Bündner Kantonsschule, Chur
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