Judt hat tatsächlich eine Geschichte Europas und nicht der europäischen Länder geschrieben, wobei er sich bemüht, die hinter den historischen Ereignissen, den Vertragsabschlüssen, Aufständen und Debatten liegende Dynamik herauszuarbeiten. So entwickelt er in den Anfangskapiteln seine These, dass Westdeutschland nach 1945 militärpolitisch und wirtschaftlich gebraucht wurde und darin die Ursache für die Westintegration lag. In dieser Zeit spielte Frankreich eine zentrale Rolle im europäischen Einigungsprozess, stieß in eine Lücke, die England aufgrund seiner reservierten Haltung offen ließ. Wie die EG heute aussehen würde, wenn England, der moralische Sieger des zweiten Weltkrieges, sich zunächst nicht so herausgehalten hätte, bleibt eine spannende Frage.
Eine der furchtbarsten Perversitäten im Bewusstsein des Menschen dieses Kontinents - der Antisemitismus, klingt wie ein Kontrapunkt in jedem Kapitel mit. Zutreffend weist der Verfasser darauf hin, dass trotz der nahezu vollständigen Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten das Ressentiment weiterging - im stalinistischen, poststalinistischen und nachsozialistischen Osteuropa wie auch in den westlichen Demokratien. So endet das Buch auch mit einem Erinnerungen aus dem Totenhaus" überschriebenen Epilog, der sich damit auseinandersetzt, wie unterschiedlich aber zugleich auch ähnlich die Deutschen mit ihrer Schuld, die Franzosen, Niederländer, Polen, Italiener, Oesterreicher oder Balten mit ihrer Mitschuld an den Deportationen und Lagern im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre umgingen.
Judt schreibt eine Geschichte des ganzen Europas, d.h. er er schildert nicht nur die zunächst westeuropäische Einigung sondern gibt auch der Entwicklung hinter dem eisernen Vorhang den notwendigen breiten Raum, wobei er die graue und grausame Wirklichkeit der realsozialistischen Länder Osteuropas schonungslos darstellt.
Die Revolte von 1968 stößt bei ihm die auf allzu große Sympathien. Hier wird er in einigen Details ungerecht. Im späteren Verlauf verliert das Werk etwas an analytischer Schärfe. So ist die Darstellung des Jugoslawien-Bürgerkriegs deutlich deskriptiver als die Anfangskapitel. Auch der Schlussteil, der das Europa des 21. Jahrhunderts behandelt trägt - wenn auch brillante - essayistische Züge.
Alles in allem aber ein ungemein lesenswertes Buch - wie fast immer bei angelsächsischen Historikern wird Geschichte packend erzählt. Kleine Anekdoten am Rande machen die Lektüre immer wieder durchaus amüsant - etwa wenn Judt darauf hinweist, dass die drei führenden Politiker, die 1951 die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gründeten aus einer Randregion ihres Landes kamen: der Italiener de Gaspari aus dem Trentino, das zu Österreich- Ungarn gehörte, der Franzose Schumann aus Lothringen, das Teil des Deutschen Reiches war, und Adenauer aus dem in den 20er Jahren von den Franzosen besetzten Rheinland. Bei ihren Treffen sprachen sie miteinander deutsch.