Die im Oktober 2008 erschienene "Geschichte Deutschlands" des Geschäftsführers und wissenschaftlichen Leiters der "Otto-von-Bismarck-Stiftung" in Friedrichsruh, Michael Epkenhans, beginnt mit einer aufklappbaren Karte, auf der die 16 Länder der Bundesrepublik Deutschland in unterschiedlichen Farben eingezeichnet sind.....
Der habilierte Autor, der auch als Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg tätig ist, platziert damit das Ergebnis eines 342 Jahre währenden Prozesses bereits vor seine Einleitung. Wie in keinem anderen Land, war der Weg Deutschlands seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges bis in die Gegenwart von "Irrwegen und Umwegen" bestimmt.....
....während die europäischen Nachbarn zu Beginn der Neuzeit damit begannen, sich allmählich von mediävistischen Staatsgebilden zu modernen Nationalstaaten weiterzuentwickeln, zerfiel das einstige Ostfränkische Reich "Ludwig des Deutschen" in eine Vielzahl von Klein- und Kleinststaaten. Auch die durch eine Verfassung geregelte Mitwirkung der Bürger am Gemeinwesen sollte für die "Teutschen Lande" erst viel später als bei den Nachbarstaaten zur Realität werden. Aus einem Jahrhunderte währenden, rivalisierenden deutschen Dualismus ging schließlich die "kleindeutsche Lösung" unter Preußens Führung hervor. Die Gründung des Zweiten Deutschen Reiches wurde jedoch von oben verordnet, seine Bürger wurden hierzu nicht befragt. Unter Führung eines größenwahnsinnigen Wilhelm II. strebte diese "verspätete Nation" noch einen "Platz an der Sonne" an. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war der als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnete Erste Weltkrieg.
Der Neubeginn mit der ersten Deutschen Demokratie war jedoch von Anfang an durch einen demütigenden und wirtschaftlich belastenen Friedensvertrag, innenpolitischen Verwerfungen und den Auswirkungen einer Weltwirtschaftskrise belastet. Der politischen Polarisierung folgte eine noch nie dagewesene Diktatur, die mit ihrer menschenverachtenden Gewaltherrschaft das eigene Volk verführte und entrechtete. Ihr rassistischer und "großdeutscher" Wahn und ihre agressive "Lebensraumpolitik" stürzten schließlich den gesamten Kontinent in einen neuen, weitaus brutaleren und zerstörerischen Zweiten Weltkrieg.....
....dessen Ergebnisse ein vollkommen zerstörtes Land, der Verlust großer Gebiete im Osten, eine Flut von Millionen von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen und eine Teilung in zwei weltanschaulich unterschiedliche Staaten waren. Beide deutsche Staaten gehörten jeweils einem der beiden globalen Machtblöcke an, die sich über vier Jahrzehnte waffenstarrend gegenüberstanden und an zahlreichen Orten Stellvertreterkriege führen ließen. Erst die friedliche Revolution in der Deutschen Demokratischen Reublik des Jahres 1989 sollte den Beginn zur Überwindung der deutschen Teilung markieren, dem bald darauf auch der vollständige Fall des "Eisernen Vorhangs" folgen sollte.
Geschichte wird von Menschen gemacht, die in ihrem Denken und Verhalten von sozialen und wirtschaftlichen Wandlungsprozessen, insbesondere staatsphilosophischen Ideen und Ideologien, beeinflusst werden. Der Autor lässt neben den größen Strömungen, der seit dem Westfälischen Frieden vergangenen Zeit, vor allem auch die Männer und Frauen, die jene gestaltet haben und die Ereignisse, die sich im Guten wie im Schlechten im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben, lebendig werden, beispielweise Friedrich Wilhem I. von Brandenburg (Seite 170), Fürst Metternich (S. 39), Otto von Bismrack (S. 48) Konrad Adenauer (S. 118) und auch Helmut Kohl (S. 150) Gleichzeitig zeigt er, was Deutschland war und welche Gestalt es im Laufe der Jahrhunderte annahm. Dabei werden nicht nur seine Herrscher, Monarchen und Präsidenten, sondern auch seine Menschen, die sogenannten Ständen, dann Klassen und schließlich sozialen Schichten angehörten betrachtet. Viele Fragen werden erzählerisch beantwortet. Daneben gibt es jedoch auch auch Fakten und Zahlen, wie z. B,. Schaubilder verschiedener Staatsverfassungen und eine ausklappbare "Zeittafel Deutschlands 1648 - 2008", in der die wichtigsten historischen Ereignisse, Kaiser/Könige/Präsident und Kanzler, Ereignisse in Wirtschaft und Technik, sowie bedeutende Personen und Errungenschaften in Kultur und Religion zusammen geführt wurden. Zahlreiche Landkarten visualisieren die geograhischen Dimensionen. So offenbart eine Karte Europas im Herbst 1942 den Wahnsinn der agressiven Expansion des NS-Regimes und seiner Verbündeten (S. 100). Außerdem gibt es "Exkursionen" zu Themen, die eigentlich eine weitaus ausführlichere Betrachtung verdient hätten, wie z. B. zum Völkermord an den Hereros (S. 60) und zum Holocaust (S. 102). In seinem Schlußwort kommt der Autor zum Ergebnis, das Deutschland auf seinem langen Weg nach Westen schließlich angekommen ist und die föderalistische Bundesrepublik Deutschland mit ihren Bürgerinnen und Bürgern zu einer tragenden Säule der westlichen Wertegemeinschaft geworden ist.
Wie die anderen Bände aus der Reihe "Theiss Wissenkompakt" bietet auch die "Geschichte Deutschlands. Von 1648 bis heute" ein leicht zu lesendes, reichhaltig illustriertes und solides Grundwissen. Für Einsteiger, wie auch zum Nachschlagen bestens geeignet. Derjenige Leser, der gerne tiefer in bestimmte Themenbereiche einsteigen möchte, bietet der Anhang eine Liste "Weiterführende Literatur".
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