Bevor die europäischen Kolonialmächte durch die Entdeckung der neuen Welt einen wirtschaftlichen Boom sondergleichen erlebten, war es tatsächlich so, dass die Weltwirtschaft vor allem von Asien dominiert wurde. Chinas Aufstieg zur Weltmacht ist also wenig mehr als eine Rückkehr zum lange verloren geglaubten Status quo. Eine Überzeugung die auch in Sabine Dabringhausens "Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert" zum Tragen kommt. Chinas Auszeit von seiner angestammten Rolle als Großmacht wurde durch westliche Kanonenbootpolitik erzwungen, nachdem China im 19. Jahrhundert technologisch und wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten ist. Was folgte war ein steter Niedergang der chinesischen Souveränität, die Erzwingung einer Öffnung der Häfen und auch die Abtretung von Provinzen an westliche Kolonialmächte.
Am Beginn des 20. Jahrhunderts war China gedemütigt und gebrochen, so dass sich sogar Japan ein Stück vom morschen Reich abschneiden konnte. Durch die westlichen Enklaven an Chinas Küste und vor allem auch über Japan begannen sich jedoch westliche Ideen im Reich der Mitte durchzusetzen, welche schon bald zu einer ernsthaften Krise der Monarchie und infolgedessen zur Entstehung der Republik führen sollten. Auf lange Zeit schien China jedoch einmal mehr in streitende Reiche zerfallen zu sein und von Kriegsherren dominiert zu werden. Es mag verwundern, doch die frühe Republikzeit ist für das moderne China vielleicht prägender als die Ära Maos. Das man sich zum Erhalt der alten Grenzen und damit gegen einen Han-Nationalismus entschied geht jedenfalls auf die Republik-Gründung zurück, ebenso die Überlegungen zum Nutzen des Konfuzianismus, welcher heutzutage seine Renaissance zu erleben scheint, nachdem er unter den Jahren von Maos Herrschaft verdammt wurde.
Aufgrund von Chinas zunehmender Bedeutung auf der weltpolitischen Bühne ist es schon notwendig sich mit der Geschichte des Reichs der Mitte auseinanderzusetzen, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert genauso schicksalhaft erscheint wie es das 19. Jahrhundert für die USA gewesen ist. Als Professorin für Außereuropäische Geschichte mit dem Schwerpunkt Ostasien hat Sabine Dabringhaus 2009 neben der vorliegenden Abhandlung zum 20. Jahrhundert, auch eine von 1279 bis 1949 reichende Geschichte Chinas vorgelegt und sich bereits 2008 mit einer in der Reihe C.H. Beck Wissen erschienen Biografie Mao Zedongs einen Namen gemacht. Da die Autorin zudem selbst in China studiert hat, versteht sie außerdem die chinesische Perspektive, welche von manch europäischen oder amerikanischen Historiker sonst verdrängt wird. Es verwundert also nicht, dass Dabringhaus in ihren Ausführungen auf einen reichen persönlichen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, der dem Leser einen ganz besonderen Blickwinkel eröffnet.
Anhand der fünf Indikatoren Konfuzianismus, Nationalismus, Kommunismus, Demokratisierung und Kapitalismus zeichnet Dabringhaus die verschiedenen Etappen der chinesischen Geschichte im 20. Jahrhundert nach, lässt dabei jedoch keine eklatanten Brüche oder weit vom Thema abweichende Exkurse aufkommen. Dadurch behält das Werk seine Übersichtlichkeit. Was man Autorin und Werk zugutehalten darf ist zudem ihre neutrale Perspektive, die manch andere Historiker im Umgang mit China vermissen lassen. Gerade gegen Ende, wo das 20. Jahrhundert an das frühe 21. Jahrhundert heranreicht zeigt Dabringhaus die Probleme des modernen China auf, das nicht umhin kommt sich angesichts zunehmenden Wassermangels, knapp werdender Ressourcen und drohender Nahrungsmittelknappheiten mit Umweltschutz und alternativen Energiequellen auseinanderzusetzen, während sich mit zunehmender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Liberalisierung auch demokratische Zugeständnisse ergeben werden, zumal die an die Macht gelangten Technokraten viel eher als frühere Kader geneigt sind, mit der Zeit zu gehen und China zu öffnen, anstatt abzuschotten.
Fazit:
Übersichtlich, neutral und interessant zu lesen - Empfehlenswerte Lektüre.