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Interview mit Pauls Toutonghi
Pauls Toutonghi
Fotonachweis: Copyright privat
Country-Star wollte Yuris Vater, der aus Lettland eingewandert war, eigentlich werden. Im echten Leben wohnt er mit seiner Familie in einer heruntergekommenen Ecke von Milwaukee und trinkt sich das Leben schön. Als sich Yuri in Hannah verliebt, wird er zum Ärger seiner Eltern über Nacht zum glühenden Sozialisten, und eine tragische Komödie nimmt ihren Lauf.
Frage: Die Eltern der Hauptfigur, Yuri Balodis, kamen aus Lettland in die USA. Welche Träume brachten sie mit?
Pauls Toutonghi: Das ist eine sehr gute Frage! Ich glaube, sie träumten – wie so viele andere Menschen, die in die USA kamen – davon, dass Amerika sie reich machen würde. Doch dann stellt sich meistens heraus, dass die Realität anders aussieht – ganz anders.
Das System hier macht es Immigranten nicht leicht. Die Balodis hofften auf stabile Verhältnisse, einen Ort, wo man seine Meinung frei sagen kann und keine Angst vor Verfolgung haben muss. Letzteres bekamen sie, Ersteres allerdings nicht.
Frage: Yuris Eltern wollten einen ganz normalen amerikanischen Jungen haben. Doch dann wird er ausgerechnet Mitglied einer sozialistischen Partei. Was war schiefgelaufen?
Pauls Toutonghi: Nun, Yuri hatte sich in eine der Aktivistinnen verliebt. Er war unschuldig, naiv. Er hoffte, dass er bei Hannah punkten könnte, wenn er in der richtigen Partei wäre. Das macht ihn natürlich eher ungewöhnlich für einen amerikanischen Teenager – vor allem für einen Teenager in den 90er-Jahren.
Er guckte auf die Ideale des Sozialismus ganz sicherlich durch die rosarote Brille des ersten Verliebtseins. Ich glaube, dass die erste große Liebe eine unglaublich berauschende Droge sein kann. Sie kann fast jedes Ideal attraktiv erscheinen lassen. Ich erinnere mich noch an meine erste Freundin. Sie war politisch sehr aktiv – wenn auch nicht als Sozialistin. Ich ging mit ihr zu Kundgebungen und Protestmärschen, zu denen ich ohne sie nie gekommen wäre.
Yuri hat keine festen politischen Überzeugungen. Verpflichtet fühlt er sich nur gegenüber seinem Vater, den er ganz intuitiv liebt.
Frage: Yuris Vater ist eine ganz spezielle, kuriose Figur. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Pauls Toutonghi: Ich denke, er ist eine etwas tragische Gestalt. Natürlich trinkt er. Aber er hat auch einige sehr harte Zeiten erlebt. Er hatte immer den Traum, Musiker zu werden, doch das Leben hat ihm dazu keine Chance gegeben. Und dem trauert er nach. Er ist aber vor allem ein Geschichtenerzähler. Er kann aus der Vergangenheit wunderbare Geschichten machen. Und er schafft es mit seiner Nostalgie, die ganze Familie zu unterhalten.
Yuris Vater ist aber auch ein Toter. Er ist gestorben, als die Geschichte beginnt. Als ich das Buch schrieb, hing ein Zitat von Ernst Toller an meiner Pinnwand: „Danach konnte ich an keinem Toten vorbei gehen, ohne auf sein Gesicht zu schauen, das vom Tod der irdischen Patina beraubt war, die aus uns erst menschliche Seelen macht. Und ich fragte, wer warst du? Wo warst du zu Hause? Wer trauert jetzt um dich?“ Für mich ist das ein wunderschönes Zitat. In gewisser Weise beschreibt es, wie Schriftsteller auf ihre Figuren schauen.
Frage: Die Welt, die Sie beschreiben – die arme Gegend mit den polnischen Eckläden, dem Zusammenhalt der Einwanderergruppen –, existiert sie heute noch?
Pauls Toutonghi: Nein, sie gibt es nicht mehr. Die Gegend, die ich beschreibe, hat sich komplett verändert. Aber es gibt noch Gegenden in Brooklyn, New York, Greenpoint z. B., die ganz ähnlich aussehen. In dieser Ecke von Brooklyn leben viele polnische Einwanderer. Ich selbst habe da zwei Jahre verbracht. Für mich ist es der schönste Ort in ganz New York. Aber auch er verändert sich. Das ist das Interessante und das Traurige, das die amerikanischen Städte ausmacht: Sie verändern sich so stark und so schnell…
Frage: Sie haben ja sowohl lettische als auch ägyptische Wurzeln. Wie würden Sie Ihre Beziehung zu beiden Ländern beschreiben?
Pauls Toutonghi: Mein Lettisch ist gut. Ich kann Lettisch schreiben und lesen und habe ein Gefühl für die dortige Kultur. Meine Mutter erzog mich wie einen Letten, das ist also ein ganz natürlicher Teil meiner Persönlichkeit.
Mein Vater stammt aus Kairo. Er lebte dort, bis er 14 war, und kam dann, 1946, in die USA und kehrte nie wieder zurück. Er kommt aus einer Familie koptischer Christen, und bei ihnen zu Hause sprach man Französisch. Deshalb kann ich etwas Französisch und auch Arabisch, aber nicht sonderlich viel. Ich glaube, man kann sich nur in einer Kultur zu Hause fühlen, deren Sprache man auch beherrscht. Sprache ist nach wie vor die Grundlage auch der Alltagskultur. Nächstes Jahr plane ich dennoch, nach Ägypten zu reisen. Ich habe so viele Geschichten aus Kairo gehört und würde diesen Ort gerne sehen, bevor man die Stadt, in der mein Vater groß wurde, überhaupt nicht mehr wiedererkennt.
Frage: Ihr Buch ist sarkastisch, brüllend komisch, man begegnet vielen Menschen mit einem sehr großen Herzen. Unterstellt man Parallelen zu Ihrem eigenen Leben: War es immer dieses komische Leben, oder waren Sie auch schon an dem Punkt, dass Sie es einfach nur noch hassten?
Pauls Toutonghi: Ja, natürlich. Es gibt so viel Gewalt und Dummheit auf der Welt, dass einem schlecht werden kann. Manchmal überwältigt es mich einfach. Ich könnte dann verzweifeln. Aber ich glaube, hier kommt ins Spiel, was Schreiben leisten kann: Es kann den Schmerz über diese schwierige Welt lindern. Worte und Literatur bedeuten Trost für mich.
Frage: Was halten Ihre Eltern davon, dass Sie Schriftsteller geworden sind? Ist das der Beruf, von dem sie für ihren Sohn geträumt haben?
Pauls Toutonghi: Es gibt dazu ein berühmtes Zitat von Walter Benjamin: „Nur Bücher und Dirnen tragen ihre Streitigkeiten in der Öffentlichkeit aus.“ Vielleicht hätten sich meine Eltern gewünscht, dass ich meine inneren Konflikte zu Hause ausgefochten hätte.
Die Fragen stellte Henrik Flor, Literaturtest.
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