Nachdem ich mich mehrere Jahre wissenschaftlich mit dem Balkan beschäftigt habe, las ich neulich in der Bibliothek den kurzen Band "Geschichte des Balkans" neben einigen anderen Büchern der Reihe Wissen von C.H. Beck, die allgemein eine hohe Qualität haben und gleichzeitig gut zu lesen sind.
Meine Erwartungen wurden von Edgar Hösch grob enttäuscht. Die Einleitung ist noch recht interessant mit den Hinweisen auf Forschungsstellen und der Schwierigkeit, den Balkan zu definieren. Auch scheinen die historischen Gegebenheiten korrekt wiedergegeben zu sein. Doch das Problem des Buches ist seine wertende Erzählweise. So ist der vorliegende Band aus Sicht westeuropäischer Staaten geschrieben - die Unabhängigkeitsbewegungen im 19. Jhd. werden zum großen Teil mit Verweisen auf europäische Königshäuser beschrieben und es wird nicht erklärt, wie es zu den Bewegungen in den jeweiligen Ländern kam. Zum Beispiel hätte man erklären können, warum die Völker in der historischen Reihenfolge gegen das Osmanische Reich opponiert haben.
Was aber das Lesen schlicht unerträglich macht ist der plumpe Eurozentrismus des Autors. Das fängt damit an, dass Hösch die osmanische Herrschaft ironiefrei als "Türkenjoch" bezeichnet, während zum Beispiel Habsburg und Russland dann die Länder "befreit" haben. Dann hören wir von heroischen Einzelkämpfern (die woanders im Buch noch Banditen sind), "glanzvollen" Siegen der Russen und den "visionären" Ideen der nationalistischen Bewegungen. Ist dies wirklich im 21. Jhd. geschrieben oder doch eine ungeänderte Neuauflage aus dem 19. Jhd.? Die Unabhängigkeitsbewegung der Griechen wird natürlich "humantitär" von "allen Kulturstaaten der Welt" unterstützt. "Kulturstaat" muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, denn damit sind wohl Türken, Inder und Chinesen gegenüber Franzosen, Deutschen und Briten kulturlos, oder wie habe ich das zu verstehen? So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass Hösch von einer "Gesamtlösung" der "orientalischen Frage" (oder an einer Stelle sogar "endgültige Lösung der Türkenfrage" !!!) spricht, was man in Deutschland nicht weiter kommentieren muss.
Dem gegenüber haben wir den "Fall Konstantinopels", das "Unruheelement" durch die Osmanen (im wohl sonst wohlsortierten Machtgefüge Europas, zum Beispiel dem ach so harmonsichen Deutschland zwischen 1618-1648) und das "Sultanregime" (hat Habsburg ein "Kaiserregime" in Wien?). Aber die Osmanen scheinen auch nicht so wichtig zu sein, ist die Zeit des osmanischen Reiches doch aus dem Kartenanhang geradezu ausgeklammert.
Hinzu kommt, dass die nationalistische Bewegung im 19. Jhd. einfach als zwangsläufige Entwicklung und über große Stellen positiv dargestellt wird - zum Beispiel als "Erweckungsbewegung" -, als ob es nicht ab 1900 genug Probleme damit gegeben hätte (worauf der Autor dann auf einer halben Seite eingeht). Jugoslawien ist dann natürlich auch gegenüber ethnisch homogenen Gebilden ein "künstlicher" Staat.
Nach dem Abzug der "Orientalen" liest sich dann das 20. Jhd. etwas erträglicher, wenn man von Ausrutschern wie einer "heillos verworrenen ethnischen Gemengenlage" oder "blutgetränkte Boden des Amselfeldes" einmal absieht. Etwas unverständlich ist, wie der Zweite Weltkrieg und die Rolle der einzelnen Länder darin auf gerade einmal anderthalb Seiten abgehandelt werden kann oder warum Kommunismus an vielen Stellen mit Stalinismus gleichgesetzt wird. Ermutigend sind nur die Analysen für die Zeit nach 1999, die überraschend neutral gehalten ist.
Das Buch schließt nach einigen Verweisen auf ein "christliches Abendland" mit einem Kapitel über eine Europäische Kulturlandschaft ab, wo ausgiebig auf Samuel Huntington eingegangen wird und noch einmal die christliche Fahne hochgehalten wird, bevor für den westlichen Leser einige Anknüpfungspunkte zu balkanischer Kultur gelistet werden. Schön auch, wie die Bosnier das Zusammenleben "lernen" müssen, während woanders die Westeuropäer "Lehrmeister" sein dürfen.
Ich hätte wegen solcher orientalistischen und (west)eurozentristischen Formulierungen das Buch mehrfach beinahe gegen die Wand geschmissen, wäre es nicht aus der Bibliothek geliehen gewesen. Der Autor sollte unbedingt einmal Maria Todorovas "Imaginging the Balkans" oder Edward Saids "Orientalism" studieren.