Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein Kernbestandteil seiner Arbeitshypothese verneint die eingleisige Entwicklung von einem religiösen Urzustand hin zu "einer uneingeschränkten Rationalisierung der Weltsicht materialistischen Typs" und betont die gleichzeitige Existenz von Atheisten und Gläubigen zu allen Zeiten in allen Kulturen und Religionen. Ein Phänomen, das sich bereits für archaische Völker und antike Hochkulturen sowie Religion und philosophische Strömungen der griechisch-römischen Antike nachweisen lässt. Dieses permanente Spannungsverhältnis bildet den Gegenstand der Darstellung mit Konzentration auf das Gegensatzpaar Christentum-Atheismus.
Gab es ein atheistisches Mittelalter? Ging man bislang von einem rein christlichen Mittelalter aus, so haben erst eine Reihe von jüngsten Untersuchungen Korrekturen und Differenzierungen hinsichtlich Rationalität und Skeptizismus -- nicht gleichzusetzen mit Häresie -- vorgenommen. Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass aber die eigentliche, intellektuelle wie wissenschaftliche Auseinandersetzung erst im 16. Jahrhundert im Kontext von Renaissance, Konfessionalismus, Naturwissenschaften etc. einsetzte. Die Aufklärung, die Entstehung eines Bildungsbürgertums, philosophische Kontroversen des Rationalismus wie politische und gesellschaftliche Umwälzungen vom 18. bis in das 20. Jahrhundert hinein zeichnen die zunehmende individuelle Freiheit in der Religion, die Profanisierung des Religiösen und den Verlust des Glaubens an einen wirkmächtigen Gott.
Das Schlusskapitel zur Entwicklung des Atheismus im 20. Jahrhundert mit Minois' Fazit des Sieges des Atheismus (Atomisierung des Glaubens, Säkularisierung religiöser Inhalte, Erhebung des Ich zum höchsten Wert) sowie der scheinbar unerheblich gewordenen zentralen, jedoch nach wie vor ungelösten Frage nach der Existenz Gottes bietet für Gegenwart und Zukunft sicher den größten Diskussionsbedarf.
Die allgemein verständlich verfasste und gut lesbare Überblicksdarstellung schließt mit Anmerkungsapparat, Auswahlbibliografie und Personenregister. Allerdings leidet der Band an seiner eindeutigen Ausrichtung auf die französische (und teilweise deutsche) Kultur und Forschung und lässt ganze europäische Regionen wie Großbritannien, Italien, Spanien, Ost- und Nordeuropa außer Betracht -- insofern kann nur bedingt von einer umfassenden Geschichte des Atheismus im christlichen Abendland gesprochen werden. --Osseline Kind
Pressestimmen
"Der Verfasser legt hier eine in erster Linie historisch-materialreiche Arbeit vor. Es geht ihm vor allem darum, die ungläubige Haltung als fundamentalen Bestandteil jeder Gesellschaft aufzuzeigen, verstanden nicht nur negativ, sondern als etwas mit positivem Inhalt ..." (Philosophischer Literaturanzeiger)
Kurzbeschreibung
Die umfassendste Geschichte der Ungläubigen aus historischer Sicht
Die Geschichte der Menschen, die nur an die Existenz des Menschen, an die Materie und die Vernunft glauben. Ein unentbehrliches Handbuch für Historiker, Kultur- und Religionswissenschaftler, Soziologen, Philosophen sowie für alle kultur- und religionsgeschichtlich Interessierten.
Jeder fünfte Mensch ist heute Atheist. Die Geschichte des Atheismus ist also nicht die Geschichte einer Minderheit, sie betrifft Hunderte Millionen Menschen, die nicht an Gott oder eine göttliche Weltordnung, sondern an den Menschen, an die Materie, an die Vernunft glauben.Georges Minois legt einen außergewöhnlichen Rückblick auf die Geschichte des Abendlandes vor - ein Handbuch des Atheismus von der Antike bis zur Gegenwart. Der Atheismus ist ebenso alt wie die Religionen und historisch viel älter als die christliche Kultur. Zwar tritt er in seiner radikalen Ausprägung erst im Gefolge des modernen Materialismus/Marxismus auf, in seiner agnostischen Form gibt es ihn aber schon im antiken Griechenland, wo er von einigen Vorsokratikern und Sophisten, von Epikur und seiner Schule, von den Kynikern und Skeptikern vertreten wird. Minois geht auf die verschiedenen Formen des Atheismus ein, die sich im Verlauf der Jahrhunderte herauskristallisiert haben: den Atheismus des Protestes gegen die Existenz des Bösen, gegen moralische Verbote oder gegen Freiheitseinschränkung, auf den spekulativen Atheismus in Krisenzeiten der Werte, auf die fließenden Grenzen zwischen Glauben und Unglauben heute. Er lässt u.a. Hegel, Marx, Schopenhauer, Nietzsche, Russell, Camus und Sartre zu Wort kommen und stellt den Atheismus nicht nur als Gottesverneinung dar, sondern als eine Art, die Welt zu sehen, als den grandiosen Versuch des Menschen, einen Sinn für sich zu finden, seine Anwesenheit im Universum zu rechtfertigen. Die Geschichte des Atheismus ist somit nicht nur die Geschichte einer Idee, sondern auch die eines Verhaltens, die Geschichte der Menschen schlechthin -der Skeptiker, der Freidenker, der Pantheisten, der Deisten, der Libertins, der Agnostiker und der Materialisten-, die versucht haben, ihrem Leben einen Sinn jenseits des Glaubens an einen Gott zu geben.