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Eine Geschichte der Alternativen Medizin
Allein schon das Quellenstudium zur «Geschichte der Alternativen Medizin», mit der der Historiker Robert Jütte weitgehend Neuland beschreitet, hätte vermutlich eine Story für sich abgeben können. Denn mit dem bunten Spektrum der Heilkünste abseits der hell ausgeleuchteten Siegerstrasse des Fortschritts hat sich die medizinhistorische Forschung nie recht abgeben mögen. Unvoreingenommene Studien über die einzelnen Therapierichtungen sind rar, bei vielen stammt das vorhandene Material entweder von Anhängern oder von erbitterten Gegnern. Um so verdienstvoller ist Jüttes Arbeit, um so beeindruckender die Fülle an Informationen, die er zu den vorab in Deutschland gebräuchlichen Heilmethoden zusammengetragen hat: zu den magisch-religiösen Praktiken sowohl, als auch zu Naturheilverfahren wie Licht-, Luft-, Wasserkuren und Ernährungstherapie, zu den biodynamischen Heilweisen, namentlich Homöopathie und Anthroposophische Medizin, und schliesslich zu den Importen aus Fernost, Akupunktur und Ayurveda. Nicht die Erläuterung der Therapieformen steht dabei im Zentrum, sondern das Aufzeigen ihrer Entwicklung aus einem bestimmten Zeitgeist heraus oder auf Grund verwurzelter Traditionen und ihrer oft wellenförmig verlaufenden Popularität.
Sozialgeschichte
Ohne selbst Urteile abzugeben und in erfreulich unakademischer Sprache weiss Jütte die Fakten zu verbinden, zeichnet er mit engagierter Sachlichkeit ein facettenreiches Stück Sozialgeschichte nach. Immer wieder geht es ihm dabei auch darum, Begriffe klar einzugrenzen, indem er zum Beispiel die berühmte «Ganzheitlichkeit» in ihrer unreflektierten Verwendung für nahezu alles Nicht-Schulmedizinische in Frage stellt. Oder die neuere Bedeutung der Wörter mit Begriffsgeschichte konfrontiert: noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt «dem Volk» jeder medizinisch Tätige, also auch der approbierte Arzt, schlicht als Quacksalber. Und die so heutig anmutende «biologische Medizin» brachten seinerzeit Nazi-Ideologen aufs Tapet.
Dass und wie Jütte in seiner Studie den Begriff «alternativ» verwendet, ist einleuchtend und zugleich Kriterium für die Auswahl der dargestellten Methoden. Alternativ seien solche «Heilweisen, die in einer bestimmten medikalen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über einen längeren Zeitraum von der herrschenden medizinischen Richtung mehr oder weniger stark abgelehnt werden, weil sie die Therapieformen derselben teilweise oder völlig in Frage stellen bzw. auf eine unmittelbare und grundlegende Änderung des medizinischen Systems abzielen. Als weiteres Kriterium gilt, dass die alternativen Therapieformen «von sozialen Bewegungen oder bestimmten gesellschaftlichen Gruppen getragen werden», was vielleicht die auffallendste Gemeinsamkeit der alternativen Heilkünste ausmacht: dass medizinische Laien, meist mit ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein und offenbar auch ähnlichem (eher gehobenem) Bildungshintergrund, sich damit intensiv auseinandersetzen und sich als «Gleichgesinnte» oft sogar in Vereinen zusammenfinden.
Bei fast allen Methoden ist übrigens die Therapie wichtiger als die Diagnostik: der Name der Krankheit wird meist von der Schulmedizin übernommen. Über eigenständige Diagnosemethoden mit eigener Terminologie verfügen die fernöstlichen Heilkünste und die klassische Homöopathie, die im wahrsten Sinne des Wortes alternativ ist: ein der offiziellen Lehrmeinung nicht nur zur Zeit ihrer Gründung vor 200 Jahren, sondern noch heute völlig widersprechendes System, das deshalb stets auch am erbittertsten bekämpft wurde. Das ihr gewidmete Kapitel (dem übrigens eine Gliederung in Unterkapitel gut getan hätte) ist mit Abstand das längste sicher zu Recht in Anbetracht ihrer Komplexität, ihres «heimischen» Ursprungs, ihrer weltweiten Verbreitung und ihrer Vorreiterrolle im Meinungsstreit zwischen Ärzteschaft und Aussenseitern, der mit dem Auftreten Samuel Hahnemanns gegen die «Allopathie» erst richtig begonnen zu haben scheint.
Imagepflege
Die Rückschau auf 200 Jahre Medizingeschichte, worin die offizielle Medizin auf all ihren Entwicklungsstufen stets die Rolle der Bekämpferin alles Andersdenkenden spielt, zeigt auch, dass der alternative Boom der achtziger und neunziger Jahre kein neues Phänomen darstellt, sondern nur «eine neue Erscheinungsform der Reformbewegungen, die als ständiger Gegenpol die Entwicklung der (natur)wissenschaftlichen Medizin begleiten». Ob diese Begleitung tatsächlich von Krisen der Schulmedizin völlig unabhängig sei, wäre allenfalls in einer (noch zu schreibenden) vergleichenden Medizingeschichte zu erörtern. Zumindest lässt sich anhand der Homöopathiegeschichte für die fünfziger und sechziger Jahre, als die Schulmedizin mit Kortison, Antibiotika, Impfkampagnen und immer raffinierter werdender Technik scheinbar alles in den Griff bekommen hatte, ein Tiefstand der alternativen Medizinkultur feststellen. Der neuerliche Aufschwung dagegen geht durchaus einher mit berechtigten Zweifeln an der schulmedizinischen Allmacht, nachdem die wichtigsten Fortschritte der Nachkriegszeit ihren Pferdefuss gezeigt haben.
Dass das Alternative nun zögernd sogar in die Universitäten Einlass findet, beurteilt Jütte allerdings ziemlich ernüchternd: «Es handelt sich meist nur um Lehraufträge, die wenig kosten, gut für das Image in der Öffentlichkeit sind und die reformwilligen Studenten zufriedenstellen, aber den immer wieder beschworenen Wissenschaftspluralismus nur vorspiegeln, da auf diese Weise an den institutionellen Machtverhältnissen nichts geändert wird.»
Margret Mellert
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