In einer Zeit, wo gerade solche Disziplinen wie die Altamerikanistik durch massive Budgetkürzungen und Stellenstreichungen zunehmend immer mehr an den Rand gedrängt werden, erscheint es auf den ersten Blick wirtschaftlich wenig sinnvoll, die "Geschichte Altamerikas" in einer Neuauflage herauszubringen. Trotzdem hat sich der Verfasser die Mühe gemacht, sein 1989 erschienenes Buch zu überarbeiten und der Verlag verdient ein großes Lob, diese Neufassung auf den Markt zu bringen.
Bedenkt man, dass gerade die Erforschung der Kulturen Altamerikas seit Jahren eine starke Intensivierung erfährt und auch deutsche Forscher wie Markus Reindel (Bonn) in Palpa (Peru) oder Peter Fuchs (Berlin) in Peru (Casma-Tal)wichtige und weltweit beachtete Forschungsergebnisse vorstellen konnten, dann wird verständlich, dass sich Verlag und Autor - im Gegensatz zu staatlichen Stellen - der Verantwortung stellen und allen Lernenden und Interessierten ein aktuelles Lehrbuch präsentieren.
Gerade in Zeiten der Globalisierung, wo man damit rechnen muss, dass bald auch Lateinamerika eine weit bedeutendere Rolle im internationalen Wirtschaftssystem einnehmen wird, sollte sich ein Staat wie Deutschland auch in der Ausbildung seiner Akademiker auf diese Situation vorbereiten. Denn wie sagte doch ein bekannter sowjetischer Politiker: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben..."
Natürlich richtet sich das Buch wie alle Bände der Reihe "Grundriss der Geschichte" vor allem an Studierende und Lehrer für Geschichte. Aber gerade sein Überblickscharakter und die immense Vielfalt an Informationen auf relativ kleinem Raum macht es auch für den interessierten Laien zu einer wichtigen Literatur. Und - im Gegensatz zu den meisten wichtigen Standardwerken ist dieses Buch in deutsch geschrieben, wodurch auch der Laie, der nicht unbedingt Spanisch oder Englisch fließend lesen kann, in den Genuss der aktuellen Wissensgrundlagen kommt.
Das Buch gliedert sich in drei abgeschlossene Teile: eine Überblicksdarstellung, einen Teil zu Grundproblemen und Tendenzen der Forschung und einen Teil der Quellen und Literatur vorstellt.
Die Überblicksdarstellung umfasst knapp 100 Seiten und beschränkt sich auf ausgewählte Kulturen Mesoamerikas (Olmeken, Teotihuacan, Oaxaca, Tula, Yucatán und Zentral-Mexiko mit den Azteken) und des Andenraums (Chavín, Inka). Diese Beschränkung wird sicher nicht von allen Lesern mit Begeisterung aufgenommen, fehlen doch zum Beispiel die Kulturen auf dem Territorium des heutigen Kolumbien völlig. Aber man muss auch die Zielsetzung dieses Lehrbuches sehen und bedenken, dass eine vollständige Darstellung in einem Band gar keinen Platz gefunden hätte!
Kurze Inhaltsverweise am Rand des Textes machen die Suche nach einem bestimmten Thema sehr einfach und dienen der Zielstellung des Werkes als Lehrbuch.
Den umfangreichsten Teil nimmt der zweite Abschnitt über Grundprobleme und Tendenzen der Forschung ein. Eine Orientierung, die Sinn macht, denn gerade für den ersten Teil gibt es genügend Literatur zum weiterführenden Studium. Das ist für die theoretischen Grundlagen nicht so. Deshalb kommt diesem zweiten Teil auch eine große Bedeutung zu. Der Autor, der seit Jahrzehnten in Forschung und Lehre tätig ist, versteht es, den Leser mit der Problematik vertraut zu machen. Günstig ist der jeweilige Hinweis im Text auf die im dritten Teil vorgestellte Literatur. Da diese durchgehend nummeriert ist, kann im Text recht einfach auf das jeweilige Buch verwiesen werden.
Allerdings ist diese Literaturliste nicht gemäß der Zielstellung des Bandes aufgelistet. Einiges an deutschsprachiger Literatur lässt sich nicht finden. Statt dessen wird auf die Originaltexte verwiesen. Das ist zwar wissenschaftlich exakt. Aber gerade ein Lehrer, der sich zusätzlich informieren möchte und des Spanischen nicht mächtig ist oder ein interessierter Laie mit dem selben Problem, kann mit dem Hinweis auf die Originalliteratur nichts anfangen. So wären Hinweise auf Garcilaso de la Vega, dessen Originalversion in deutschen Bibliotheken nur beschränkt zugänglich ist, der aber bereits 1983 in einer deutschen Übersetzung erschien oder auf Felipe Guamán Poma de Ayala, dessen "Nueva Corónica" erst 2005 in deutscher Übersetzung auf CD-ROM erschien und eine Faksimileausgabe enthält, für deutsche Leser nützlich.
Natürlich ist es gerade bei einer Literaturliste leicht, fehlende Titel zu finden und ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass es neben der verzeichneten Literatur noch einiges mehr, eben auch auf deutsch gibt. Trotz der 1416 verzeichneten Titel gibt es also für den Interessenten noch viel mehr Literatur zur Auswahl.
Der Anhang enthält mehrere Zeittafeln, die einen Überblick über die chronologische Entwicklung einzelner Regionen geben, einige Genealogien (Inka und Mayaherrscher) sowie Karten des Inkareiches, des Aztekischen Reiches, von Tenochtitlan, Zentral-Mexiko und Yucatán.
Gerade wegen des zweiten Teils über Grundprobleme und Tendenzen der Forschung ist dieses Buch für alle Interessenten, denen die englisch- und spanischsprachige Fachliteratur verwehrt bleibt, eine wichtige Grundlage für die Beschäftigung mit den Kulturen Altamerikas.
Der Verlag plant übrigens einen weiteren Band über die Kolonialzeit Amerikas.
(Dies Rezension erschien bereits in der Zeitschrift AmerIndian Research)