"Die rezenten politischen Reformen haben einige der politischen Grundlagen geschaffen, auf denen Rechtsstaatlichkeit und Regierungen in Afrika aufbauen können....."
(Prof. Dr. Emmanuel Gyimah-Boadi, ghanaischer Politologe)
Am 30. November 1974 wurde vom US-amerikanischen Paläoanthropologen Donald Johnson im äthiopischen Hadar das bisher vollständigste Skelett eines weiblichen Australopithecus afarensis, kurz "AL 288-1" genannt, gefunden. Von den Einheimischen erhielt der vor 3,2 Millionen Jahren verstorbene "Afarmensch" den amharischen Namen "Dinknesh" (Du Wunderbare). Weltweit bekannt werden sollte dieser frühe Vorfahre des Menschen jedoch in einer Anleihe an den Beatlessong "Lucy in the Sky with Diamonds".....
Eine Geschichte Afrikas zu schreiben ist in vielerlei Hinsicht kein leichtes Unterfangen. Zum einen ist gerade die Quellenlage weitaus komplizierter als für eine Darstellung des Nahen Ostens oder Europas. Archäologischen Quellen sind, wenn überhaupt vorhanden, in einem weitaus geringeren Umfang zugänglich. Zum anderen neigt besonders die europäische Sicht dazu, den riesigen Kontinent, mit seiner Vielfalt von Gesellschaften, Kulturen und Einzelgeschichten auf die Begriffe "Afrika südlich der Sahara" oder gar "Schwarzafrika" zu reduzieren. Drittens wird auch die "Geschichtsschreibung" Afrikas von unterschiedlichen Wissenständen und Interessen bestimmt, so dass auch deren Geschichten immer wieder umgeschrieben wurden. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stand sie nahezu ausschließlich im Dienst der europäischen Kolonialmächte. Für den Imerialismus waren der Kontinent und seine Bewohner geschichtslos und niemandes Eigentum, das man kraft eines selbstdefinierten "Vökerrechts" nach Belieben in Besitz nehmen konnte. Die Unterschiede der afrikanischen Gesellschaften waren für die Kolonialherren nur dann von Bedeutung, wenn sie dem Prinzip des "Divide et Impera" nützlich waren. Erst in den 1950er Jahren gesellte sich eine Geschichtsschreibung, die den Kontinent aus afrikanischer Perspektive zu betrachten vermochte, hinzu. Mit der Entkolonisierung Afrikas verschwand der "koloniale Blick"
keineswegs. Er verfeinerte zwar seine Ausdrucksweise, verzichtete jedoch nicht auf seinen Interpretationshintergrund, der sich auf westliche Überlegenheit und Konrolle begründete. Auch heutige "Entwicklungsprogramme" und "Partnerschaftsverträge" zeigen mitunter erneut kolonialitische Züge.....
In seiner im März 2010 erschienenen, kompakten "Geschichte Afrikas" spannt der als Professor für Afrikanistik an der Universität Wien tätige Dr. phil. Walter Schicho in vier Kapiteln einen Bogen vom Ursprung der Menschheit (Out of Africa) bis zur dritten Kolonisierung des Kontinents mit Ausbeutung der Rohstoffe, Stellvertreter- und Bürgerkriegen, Sezessionen, Militärregimen, Schuldenkrise pp. Eine Vielzahl von Schwarzweissfotos (z. B. Apartheit) und Abbildungen sorgen für eine lebendige Illustration. Hinzu kommen Graphiken wie "Exporthandel 2004" und Karten, wie "Sklavenhandel um 1800". Der Haupttext wird an zahlreichen Stellen durch farblich in rostbraun abgesetzte Essays wie z. B. "Die Cahiers" (S. 13) oder "Afrikas Beitrag zum 2. Weltkrieg" (S. 103) und kleinen Themenkästen auf beigen Grund, wie "Rohstoffpreise und Wirtschaftskrise" (S. 94) oder "Hungerhilfe als politisches Werkzeug" (S. 138) pp. aufgelockert. Ein neunseitiger Anhang mit Glossar, einer nach Sachgebieten gegliederten Liste "Weiterführende Literatur" und ein alphabetisches Register runden das Gesamtbild einer mit Spannung zu lesenden Chronik ab. Zu Beginn Anfang des mit seinen 22 x 16 x 1,6 cm handlichen Softcovers gibt es eine ausklappbare, farbige politische Landkarte Afrikas, in der bei jedem Land das jeweilige Jahr der Unabhängigkeit vermerkt ist. Am Ende des Buches erwartet den Leser noch eine ausklappbare "Zeittafel Afrika", die von 7 Millionen Jahren v. Chr. bis in 21. Jahrhundert reicht und die gesamtafrikanischen Ereignisse mit den einzelnen Regionen synoptisch zusammenführt.
Prof. Dr. Walter Schicho ist mit seiner "Geschichte Afrikas" ein Ausgleich zwischen Euro- und Afrozentrismus gelungen, der die afrikanische Geschichte in wechselseitiger Abhängigkeit und gegenseitiger Verantwortung in einen Gesamtkontext der globalen Geschichte stellt.
5 Amazonsterne für die Geschichte des Kontinents, in dem die Wiege der Menschheit stand.