Allzu bequem saß sich's nicht zwischen den Stühlen, und 1932 in Deutschland konnte Unbequemlichkeit sehr unbequem werden -- und zwar für den Dichter. Aber einen Vorteil hatte die Unbequemlichkeit für Erich Kästner: Man konnte ihn nicht auf eine Gesäßfraktion, pardon: Denkrichtung festlegen. Er machte sich's ganz offensichtlich deswegen nicht bequem, weil sich gerade damit seine Sinne scharf hielten. Sein "Gesang zwischen den Stühlen" beweist jedenfalls wieder einmal, dass sich scheinbar lapidarer Alltagston hervorragend dafür eignet, tiefes Empfinden in Worte zu fassen -- nicht in überbordende Gefühlsseligkeit, das erlaubt schon die Epoche nicht. Kästners Gedichte sind nüchtern, aber längst nicht so sachlich, wie das Etikett "Neue Sachlichkeit" suggerieren will. Er trägt sein Leiden an der Zeit nun einmal nicht auf dem Tablett vor sich her, und gerade deswegen haben seine Gedichte im Laufe der Jahrzehnte keinen Staub angesetzt.
Dabei dichtet Kästner nicht mit dem Ehrgeiz, erhaben über den Zeitläuften zu stehen; dieser Gedichtband nimmt Stellung, und anno 1932 befand sich der Platz zwischen den Stühlen bestimmt nicht auf dem Olymp.
Erstmals erschienen diese Gedichte 1932; wenige Monate nach seinem Erscheinen wurden Kästners Werke verbrannt. Dass etliche Nazis beim Lesen getobt haben dürften, ist wenigstens ein schwacher Trost.
Wenn Kästner z.B. feststellt, dass sein Herz (auf dem Röntgenschirm) "aufs Haar einem zuckenden Tintenklecks" gleicht, und wenn er in der nächsten Strophe zum resignierenden Anti-Liebeslied überleitet, dann ist das nicht nur formal gekonnt, nicht nur sprachgewaltig und nicht nur mit jener feinen Ironie gesegnet, die sich jeden Anflug von Gefühlsseligkeit verbittet -- das alles freilich auch. Vor allem aber kann man in diesem und allen anderen Gedichten feststellen, dass hartgesottener Realismus seine ganz eigene zerbrechliche Poesie entwickeln kann. Jedenfalls kann sie's bei Kästner, der die Tage in die Pfützen regnen lässt und der für die nicht dramentaugliche "Traurigkeit, die jeder kennt", endlich die passenden Worte findet.
Einige Gedichte dieses Bandes sind berühmt geworden, etwa "Das Eisenbahngleichnis", "Die Ballade vom Nachahmungstrieb", "Die Entwicklung der Menschheit", "Verdun, viele Jahre später", "Das Herz im Spiegel" und natürlich "Was auch geschieht!" (Was auch immer geschieht: / Nie dürft ihr so tief sinken, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken!).
Teilweise besingen diese Gedichte eines der "klassischen" Gedicht-Sujets mit widerborstiger Poesie: Liebe währt nicht ewig, ist aber immer eine wehmütige Erinnerung wert.
Hinzu kommen aber auch andere Töne, nicht minder sarkastisch, die den Satiriker Kästner von seiner schärfsten Seite zeigen. Oft beziehen sich seine Gedichte nämlich auf das Elend der "Kleinen Leute" in der Wirtschaftskrise 1931/32, oft sogar auf konkrete Ereignisse, die repräsentativ für den heraufziehenden Ungeist der Zeit sind. Kästner erkannte das nicht nur, sondern fand auch die passenden Worte, egal ob er wissenschaftlichen Allmachtswahn aufs Korn nimmt, oder ob er in bitterbösem Ton und in scharfen Metaphern Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Hunger und Elend schildert. Seine Gedichte sind hart, brutal sogar, wenden nie entsetzt den Blick ab -- aber gefühllos sind sie niemals. Gerade deswegen gehen sie heute noch unter die Haut: die Ballade über einen grotesken Selbstmord zum Beispiel, und auch jene Ballade über ein Kinderspiel, das im Mord "einfach so" endet. Und schon hat man nicht nur die zugrunde liegenden Tatsachenberichte vor Augen, sondern man kommt sich vor wie ein antiker Seher, der die heraufziehende Apokalypse schaut.
Dazwischen gestreut sind bitterböse Satiren, die den Kabarettdichter Kästner zeigen: Einen schnöseligen Quartaner aus guter Familie lässt Kästner den armen Lehrer verhöhnen, und "Die deutsche Einheitspartei" verbindet brillant die Kritik an absurden, apolitischen Splitterparteien mit den Wirkungsmechanismen totalitärer Parteien. Und wie er (nochmal zur Erinnerung: Wir befinden uns im Jahre 1932) in wenigen Zeilen die sich anbahnende Führerseligkeit der Deutschen analysiert -- das sucht seinesgleichen ("Das Führerproblem, genetisch betrachtet").
Manche Gedichte lesen sich im Nachhinein sogar wie apokalyptische Prophezeiungen, insbesondere das Finale furioso "Das ohnmächtige Zwiegespräch", ein innerer Dialog zwischen resigniertem Chronisten und tatendurstigem Fragesteller.
Kästners "Gesang zwischen den Stühlen" ist gewiss keine leichte Lektüre, obwohl er in scheinbar leichtfüßigem Ton daherkommt. Dieser wortgewaltige Schwanengesang auf die Weimarer Republik ist aber auch viel mehr als "nur" ein präziser Zeitzeugenbericht für anspruchsvolle Leser. Es ist viel mehr: ein Prachtstück aus der Werkstatt eines Meisters der Gewerke Wort, Scharfblick und Lyrik.