Mehr noch als der Inhalt, hat mich Aichingers Schreibstil gefesselt. Schon nach der ersten Seite fängt es einem an zu schwindeln - man fühlt sich hineingezogen in Ellens konfuse Welt, voller wichtiger und nichtiger Gedanken; es ist, als würde man direkt in einen fremden Kopf springen und nun durch Ellens Augen den Krieg betrachten - oder besser die damit einhergehenden Umstände.
Gegen den Willen der Mutter bleibt das Mädchen zurück, als diese nach Amerika auswandert. Von da an muss sie bei ihrer "falschen" (also jüdischen" Großmutter und der Tante wohnen. Eines Tages verschwindet die Tante spurlos - wahrscheinlich deportiert.
Ellen, vollkommen verzweifelt, weil man ihr kein Visum ausstellen will, streicht durch die Stadt und findet unverhofft Freunde - eine Gruppe Kinder mit lauter falschen Großeltern, weswegen sie kaum ein Geschäft betreten können und keinen Ort zum Spielen haben. Jeden Tag warten sie am Flussufer darauf, dass ein Kind in die Fluten fällt, damit sie es retten können und so die Erlaubnis des Bürgermeisters bekommen, andere Orte zu betreten. Ellen freundet sich mit den Kindern an und gemeinsam erleben sie erdachte Abenteuer. Doch nach dem Tod der Großmutter entfremden sich die Kinder langsam voneinander...
Eindruckvoll und wortgewaltig zeichnet Aichinger die Hilflosigkeit eines Mädchens nach, dass auf sich allein gestellt auf einen Ausweg wartet und die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgibt.
Zitat:Der Schrank musste verkauft werden. Um welchen Preis verkauft man, was man liebt?
"Dich für Geld", erklärte Ellen dem Bücherschrank, "und das Geld für die Grenze. Du musst mich verstehen, dich für die Grenze!"
Mit beiden Armen versuchte sie ihn zu umfangen.
Der erste Käufer ging, weil er keinen Sinn für Beziehung zwischen Traum und Geschäft hatte, der zweite ging, weil er in einem Winkel des alten Schranks eine Spinne entdeckte, und erst mit dem dritten konnte Ellen eine Verhandlung versuchen. Es war keine schlechte Verhandlung, da sie mit Schweigen begann. Als beide lange genug geschweigen hatten, um sich ein wenig kennezulernen, warf Ellen dem verblüfften Käufer ihre märchenglänzenden Argumente an den Kopf. Sie sprach für den alten Schrank.
"Er knarrt!", sagte sie, legte den Finger an den Mund und bewegte sachte die morschen Flügel. "Und wenn drüben ein Zug vorbeifährt, beginnen seine Scheiben zu klirren. Wollen Sie warten, bis ein Zug vorbeifährt?"
Der Käufer setzte sich auf einen Lehnstuhl, der sofort umkippte. Er stand wieder auf, antwortete aber nicht. "Er riecht nach Äpfeln", flüsterte Ellen drohend und hilflos. "Ganz unten ist ein Brett zuwenig, da kann man sich verstecken!"
Vergeblich versuchte sie, das Unfassbare in harte Worte zu fassen. [...] "Im Herbst kracht er, als ob er ein Herz hätte!", erklärte sie statt dessen triumphierend.
"Kracht man im Herbst, wenn man ein Herz hat?", fragte der Käufer. Dann warteten sie wider stumm auf den Zug.
"Der Wind geht!", sagte Ellen, als müsste auch dieser Umstand den Wert des Schranks beweisen. "Wieviel wollen Sie zahlen?"
"Ich warte", sagte der Käufer unbeweglich. "Ich warte auf den Zug."
Der Zug kam. Die Scheiben klirrten.
"Er hat Angst", sagte Ellen und wurde blass, "der Schrank hat Angst vor Ihnen."
"Ich nehme ihn", sagte der Käufer.[...]
"Danke [...] aber ich weiß nicht - er hat Angst vor Ihnen."
"Er wird sich beruhigen" [...]
"Können Sie ihn bezahlen?" [...]
"Nein", antwortete der Käufer traurig, "nein, ich kann ihn nicht bezahlen. Er knarrt und riecht nach Äpfeln. Ich bleibe Ihr Schuldner." Und er legte fünfhundert Mark auf den Tisch. [...]"Sagen Sie Ihrer Großmutter: Nichts über einen tiefen Traum." Und der Käufer ging, ohne den Schrank jemals abzuholen. Er hatte den Apfelduft gekauft und Ellens blasses Gesicht.