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18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Er sieht andres als Andre..., 1. Februar 2007
Diese Morgenstern-Ausgabe ist wirklich eine Fundgrube, denn sie enthält nicht nur Morgensterns berühmteste Werke, nicht nur die herrlichen Galgenlieder, Palmström, den Gingganz und die Kinderlieder ("Der Marabu" und anderes), sondern auch unbekannte, ernsthaftere Gedichte, Grotesken und Parodien, Epigramme und eine Auswahl aus seinen Briefen.
Zu den Galgenliedern etwa muss man nicht mehr viel sagen -- selten hat ein Dichter virtuoser mit der deutschen Sprache gespielt. Doch auch für Morgensterns andere Werke gilt sein berühmter Satz aus der Einleitung zu den Galgenliedern: "Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre." Man gewinnt nämlich beim Lesen auch seiner anderen Werke immer mehr den Eindruck, dass Morgenstern seinen Galgenberg nie verlassen hat. Er sieht nunmal andres als andre...
Dieses Anders-Sehen zieht sich durch Morgensterns gesamtes Schaffen -- und besonders hinweisen möchte ich auf einige unbekannte Juwelen dieser Ausgabe: Da wären z.B. bei den Grotesken und Parodien herrliche Horaz-Parodien, in denen Morgenstern die Jagdleidenschaft seiner Zeitgenossen aufs Korn nimmt, und natürlich beherrscht er auch die Form und jongliert mit den verschiedenen Odenstrophen, dass einem beim Lesen schwindlig wird. Ganz nebenbei nimmt er dabei auch noch Übersetzermarotten ins Visier: "und so zog er denn, traun! fort nach -- Utopia." Dieses leidige "traun!" wurde wohl nie geistreicher dem Spott preisgegeben -- und die verklärende Sicht seiner Zeitgenossen auf die Antike samt der eingebildeten Kulturträgerschaft werden gleich mit erledigt...
Lesenswert sind natürlich auch die anderen hier versammelten Werke -- neben den Parodien (herrlich fies ist z.B. auch ein Kurzdrama im Stile d'Annunzios) etwa die thematisch geordneten Aphorismen und Tagebuch-Notizen in "Stufen". So findet man hier, im Abschnitt "Sprache", zahlreiche Reflexionen auf sein eigenes Werk: "Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffes überhaupt."
Ein Beispiel ganz anderer Art sind die Gedichte in "Zeit und Ewigkeit" -- hier lernt man einen unbekannten, nicht minder sprachmächtigen Morgenstern kennen, etwa im meisterhaften Naturgedicht "Abend im Gebirge". Ganz anders, aber genauso beeindruckend sind die "Fiesolaner Ritornelle" mit ihren fast schon hingehauchten Stimmungsbildern aus der Toscana. Hier beeindruckt nicht nur Morgensterns Formbeherrschung...
Die "Gesammelten Werke" werden abgeschlossen durch eine Auswahl aus seinen Briefen; hierzu gibt es auch, im Gegensatz zu den anderen hier enthaltenen Werken, einen kleinen Anmerkungsapparat.
Einen Schwachpunkt dieser Ausgabe ist der editorische Teil -- er umfasst neben einem alphabetischen Gedichte-Register lediglich eine Zeittafel zu Morgensterns Leben und eine Auflistung seiner Buchveröffentlichungen. Wer also gern wüsste, wann ein bestimmtes Gedicht entstanden ist, muss seinen Wissensdurst anderswo stillen. Noch schlimmer steht es mit dem Briefe-Teil: Hier wäre doch wenigstens eine Angabe fällig, wo Morgensterns Nachlass verwahrt wird. Auch ein Nachwort des (ungenannten!) Herausgebers fehlt leider -- letzteres ist noch am ehesten zu verschmerzen.
Doch genug des Beckmesserns! Schließlich handelt es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Werkausgabe, sondern um eine Ausgabe für den erweiterten Hausgebrauch. Daher sind die editorischen Mängel gerade noch zu verschmerzen.
Viel schwerer wiegt, dass man hier ausgiebig Gelegenheit bekommt, einen ganz anderen Morgenstern kennenzulernen. Freilich, trotz aller Begeisterung für meine hier erwähnten und unerwähnten Funde:
Morgensterns "Galgenlieder" sind zu Recht sein berühmtestes Werk. Das ändert ja nichts an der Klasse seiner anderen Werke...
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22 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Technik des Foppens ..., 17. Januar 2006
Traurig, dass dieser kostbare Mensch, immer am Abgrund der körperlichen Überanstrengung, schon mit 42 Jahren sterben musste. Wie eine bittere Selbstbeschreibung muss man interpretieren, was Morgenstern einst aufs Papier brachte: "Er war so zart geworden, dass im Herbst - als unter einen Baum er trat - er lediglich von dürrem Laub erschlagen ward!" Und wie hatte er, Sokrates verfeinernd, formuliert? "Jeder muss sich selbst austrinken, wie einen Kelch." Schaut man auf das erste Lebensdrittel des Dichters, so kommt man zu dem Schluss, dass es für ihn eine hässliche Zeitspanne gewesen sein muss. Dem Neunjährigen starb die geliebte Mutter, der zeitlebens gehasste Vater stopfte ihn in die verschiedensten Internate, den "Rotten von Schuljungs" war er nicht gewachsen. Eine halbwegs glückliche Zeit des sich schreibend Selber-Findens erlebte er erst nach dem Abitur - in der Spanne also von 1893-1905 - bevor es (drittens) zu einer wesensverändernden, religiös-mystischen Wende kam (wohl unter dem Eindruck seiner unabwendbaren, schwerer werdenden Krankheit). Das Faszinierende an dem zwischenzeitlich sich freischreibenden Morgenstern ist jene Mischung aus düsterem und zugleich spielerischem Humor. Wirklich zu lachen hatte Morgenstern eigentlich auch in der produktiven Mitte seines kurzen Lebens nichts, denn er musste, um nicht zu verhungern, jahrelang eine am Ende doch recht ungeliebte Übersetzungstätigkeit als Brotberuf ausüben: Er hatte Ibsens Werke aus dem Norwegischen ins Deutsche zu übertragen. Zwischendurch gelang es Morgenstern jedoch immer wieder, kurze Augenblicke lang das erstickende Geröll aus Lungenkrankheit und finanzieller Katastrophe beiseite zu räumen, und dann entstanden Verse wie diese: "Kürzlich kam ein Wort zu mir, staubig wie ein Wedel, wirr das Haar, das Auge stier, doch von Bildung edel." "Die Geburt der Kunst aus dem Geiste des Spiels" nennt es Morgenstern-Biograph Beheim-Schwarzbach, den bekannten Titel eines Nietzsche-Werkes variierend ("Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"). Die Galgenlieder, Korf, Palmström und die Muhme Kunkel: Hier lebte glücklich eine zeitlang das Kind im Manne, hier perfektionierte sich eine "Technik des Foppens" (Beheim-Schwarzbach). In der letzten Lebensphase schloss sich Morgenstern, körperlich, seelisch und geistig geschwächt, dem Kreis um Rudolf Steiner an. Die von dieser Szene angezogene Generalstochter Margareta Gosebruch von Liechtenstern verehrte und heiratete Christian Morgenstern - und gab immerhin diese wundervolle Sammlung seiner besten Schaffensergebnisse heraus.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Unsterbliche "Galgenlieder", 30. Juni 2009
Nicht wenige der "Galgenlieder" von Christian Morgenstern sind Hits der deutschen Dichtkunst, wie etwa "Das ästhetische Wiesel", "Der Hecht", "Die beiden Esel", "Der Lattenzaun" und "Der Werwolf", um nur einige zu nennen. Die von Margareta Morgenstern zusammengestellte Auswahl enthält nicht nur die gelungensten der "Galgenlieder", sondern auch Texte aus anderen Gedichtzyklen, von denen besonders "Palmström", "Palma Kunkel" und "Der Gingganz" zu nennen sind, welche gleichfalls dem heiteren Genre angehören. Darüber hinaus beinhaltet der vorliegende Band auch Kurzprosa und Einakter, Grotesken und Parodien, Sprüche und Aphorismen, die von der Vielseitigkeit des Autors künden, sowie Briefe. Unsterblichkeit aber erlangte Christian Morgenstern mit seinen absurd-komischen Gedichten und hier vor allem mit den "Galgenliedern".
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