Rezension
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die Zimtläden
OT Sklepy cynamonowe OA 1934 DE 1961Form Erzählungen Epoche Moderne
Gegenstand der autobiografisch geprägten Erzählungen von Bruno Schulz ist der Prozess der Reifung des kindlichen Ich-Erzählers. Die Entfaltung seines Innenlebens geht einher mit der ständigen Beobachtung des Verhaltens der merkwürdigen Erwachsenenwelt, des sozialen Umfelds seiner Familie sowie der Naturerscheinungen, der Haustiere, des Wetters. In den Erlebnissen und Fantasien des Jungen verschmilzt die reale Welt mit den Visionen einer traumhaften Wirklichkeit, in denen er das Erlebte zu verarbeiten und zu begreifen sucht. Diese fantasmagorische, in ständigem Wandel befindliche Realität wird von Schulz mit einer ausgefeilten poetischen Sprache voller Bilder und Metaphern beschworen.
Inhalt: Die Ereignisse des Romans spielen sich vor dem Ersten Weltkrieg zur Zeit von Kaiser Franz Joseph I. (18301916) ab; die Handlung ist im Randgebiet Österreich-Ungarns in einem kleinen ostpolnischen Provinzstädtchen angesiedelt, das als Drohobycz zu identifizieren ist. Die Hauptfiguren sind neben dem Ich-Erzähler Józef die Mitglieder seiner Familie: der verschrobene Vater, die sanftmütig-geduldige Mutter und schließlich das resolute Dienstmädchen Adela.
Im Mittelpunkt der Handlung steht der körperliche und geistige Verfall des Vaters: Seine Gesundheit wird zusehends schlechter, er wird kauzig, beginnt auf dem Dachboden seltsame Vögel zu züchten und hält den Hausbewohnern ketzerische Vorträge über die Notwendigkeit der zweiten Menschenschöpfung nach dem Ebenbild der Gliederpuppe. Auf die »geniale Epoche« des Vaters folgt der endgültige Niedergang seine Verwandlung in eine Küchenschabe, schließlich sein völliges Verschwinden, gefolgt von einer »traurigen Rückkehr« im letzten Absatz des Buchs.
Aufbau: Die auf den ersten Blick nur lose zusammenhängenden 15 Erzählungen sind miteinander nicht nur durch die Szenerie, die Hauptfiguren und den einheitlichen Stil verknüpft, sondern auch durch ein dichtes Netz von wiederkehrenden Motiven, stereotypen Situationen und Themenkreisen. Dazu gehören z. B. erotische Motive und Anspielungen; eine wichtige Rolle spielt die Hausgehilfin Adela, das Objekt geheimer erotischer Obsessionen des Vaters. Von herausragender Bedeutung für die ideelle Konzeption der Zimtläden ist das Motiv der Metamorphose, der Verwandlung, Deformation, Grenzüberschreitung und gegenseitigen Durchdringung, die das zentrale Gestaltungsprinzip des Buchs bildet.
Wirkung: Erst die späte Wiederentdeckung des Autors in den 1950er Jahren in Polen machten den formalen Rang der experimentellen Erzählkunst von Bruno Schulz deutlich. M. Sch.
Der Verlag über das Buch
Bruno Schulz verkörpert jenen Typus des mitteleuropäischen Schriftstellers (und Künstlers), dessen Welt im Zweiten Weltkrieg endgültig untergegangen ist. Mit visionärer Kraft und groteskem Humor hat er in den Zimtläden die Geschichten und Träume einer Gesellschaft dargestellt, die unter der Vorahnung einer verborgenen Katastrophe lebt.