Zugegeben:"Narrenweisheit" kann sich nicht mit den großen Meisterwerken Lion Feuchtwangers,wie der "Wartesaal-Trilogie","Goya" oder der "Josephus-Trilogie" messen,dennoch geriet dieser 1952 erschienene Roman seltsam schnell in Vergessenheit.Dabei gelingt Feuchtwanger hier das Kunststück, einen Roman über Philosophie,Politik,Liebe und Verwandlung einer ganzen Gesellschaft zu schaffen,der einen von der ersten Seite an in den Bann zieht.
Auf Einladung des Marquis von Girardin zieht der berühmte Philosoph Jean-Jacques Rousseau auf dessen Gut Ermenonville,um dort,fern von dem ihm unerträglich gewordenen Paris,seine letzten Jahre zu verbringen.Wie viele Adlige in den letzten Jahren vor der französischen Revolution begeistert sich der Marquis für die naturverbundene Philosophie Rousseaus.Mit Rousseau reisen seine Frau Therese und seine äußerst materiell eingestellte Schwiegermutter,Madame Levasseur.Mit Therese hat Rousseau sich eine Frau genommen,die keinesfalls intelektuell mit ihm mithalten kann,mehr oder weniger als seine Krankenschwester fungieren muß und ansonsten,als ein rousseausches "Kind der Natur",nur ihren Naturtrieben folgt.Sie läßt sich in Affären mit dem Sohn des Marquis,Fernand,sowie mit einem englischen Reitknecht namens Nicolas ein,was Rousseau zum Verhängnis wird.Um Therese für sich allein zu haben und um an Rousseaus wertvolle unveröffentlichte Schriften heranzukommen erschlägt Nicolas,der sich von Rousseaus Geld einen eigenen Reitstall zulegen will,den Philosophen und tarnt sein Verbrechen als einen Unglücksfall.Trotz schwerer Zweifel und um einen Skandal zu vermeiden,verhindert der Marquis die Aufklärung des Falles und läßt Rousseau auf einer Insel im See seines Parkes begraben.Bald schon wird Rousseaus Grab zur Pilgerstätte für "aufgeklärte" Monarchen,wie den österreichischen Kaiser während Rousseaus Philosophie für das unterdrückte Volk bald als Aufruf zur Revolte verstanden wird.Die Unzufriedenheit führt bald zum Sturm auf die Bastille und zum Ausbruch der französischen Revolution.Mit deren Fortschreiten werden Rousseaus Aussagen immer weiter radikalsisiert,bis die Volksherrschaft im Terrorregime des Robbespierre und des Saint Juste kulminiert,das selbst Rousseaus einstige Gönner nicht verschont.
Feuchtwanger zeigt in seinem historischen Roman,der sich natürlich die nötigen Freiheiten nimmt,wie ein eigentlich unpolitischer Philosoph ein Volk zu einer Revolte führt,die die Welt verändert und wie dieser Freiheitskampf,wiederum durch eigenwillig interpretierte Aussagen Rousseaus,in ein mörderisches Regime ausartet.Man kann Parallelen zu jeder weiteren politischen Umwälzung bis in die Moderne hinein ziehen.
Die Figuren,die unsereinen heute von Gemälden anlächeln,bekommen durch Feuchtwangers lebendige Erzählweise ein beeindruckendes Eigenleben,man fühlt sich angezogen,abgestoßen,den reinen Helden gibt es genauso wenig,wie den großen Fiesling,jeder ist nur ein Mensch,selbst der stets etwas hilflos wirkende Louis XVI.,oder die primitiv wirkende Therese.
Dieses Buch ist es auf jeden Fall wert,dem Vergessen entrissen zu werden und nicht weiterhin in Büchereien vor sich hin zu stauben.