"Das Sein und das Nichts", erstmals erschienen 1943, ist das philosophische Hauptwerk von Jean Paul-Sartre, in dem er auf mehr als 1000 Seiten der existentiellen Weltanschauung seine Ausformung gibt. Ich habe mich nun gut drei Wochen mit dem Werk beschäftigt, welches mich teilweise in tiefste Verwirrung gestürzt, teilweise aber auch schlichtweg vom Hocker gehauen hat. "Das Sein und das Nichts" ist in seiner Bedeutung für die Philosophie des 20. Jahrhunderts eigentlich kaum zu überschätzen und nimmt eine derart überragende Position ein, dass dieser Beitrag keine Rezension im eigentlichen Sinn sein kann oder will. Vielmehr versuche ich aufzuzeigen, welche Passagen des Buches für mich kaum verständlich waren und welche Abschnitte schlichtweg brillant und aktueller denn je sind. Dabei werde ich mich auf folgende zentrale Punkte konzentrieren: die Freiheit des Menschen, die Konstituierung des Menschen durch die Blicke der anderen, die Liebe und schließlich und endlich den Sinn des Lebens. Sartre handelt diese Punkte natürlich nicht streng voneinander getrennt und nacheinander ab. Vielmehr bedingen sie einander und bilden so den Kern existentieller Philosophie.
Zuerst einmal zu den Problemen, die mir das Werk bereitet hat. Sartre bezieht sich auf Philosophie und Terminologie von Hegel, Husserl und Heidegger und setzt all dieses voraus. So fliegen dem Leser auf den ersten 100 Seiten Fachtermini und Satzmonstren nur so um die Ohren, die ohne nähere Kenntnisse des Hegelschen Idealismus oder Husserls Phänomenologie eigentlich nicht zu verstehen sind. Hier ein Beispiel: "All das läuft darauf hinaus zu sagen: das Dasein 'ist nicht' an sich, es 'ist nicht' zu sich selbst in einer unmittelbaren Nähe, und es 'überschreitet' nicht die Welt, insofern es sich selbst als nicht an sich seiend und als nicht die Welt seiend setzt" (74). Zentrale Termini, die man verstehen muss, sind das "An-sich" und das "Für-sich", da diese den Kern von Sartres Philosophie bilden. Es genügt für den interessierten Laien zu unterscheiden, dass das "An-sich" alle Gegenstände und Tatsachen bezeichnet, die unabhängig vom Bewusstsein einer Person existieren; also die Dinge der Welt. Das "Für-sich" hingegen bezeichnet alle Gegenstände, die für uns sind, also uns subjektiv erscheinen. Hierbei handelt es sich um das menschliche Bewusstsein oder die von uns so wahrgenommene menschliche Realität. Ganz wichtig also: Bewusstsein ist für Sartre nichts Abstraktes. Bewusstsein bedeutet immer "Bewusstsein von etwas" (33).
Im Zentrum von "Das Sein und das Nichts" steht die Frage nach der Freiheit des Menschen und deren Auswirkung auf menschliche Wertvorstellungen und Wertmaßstäbe. Mit Abstand der bekannteste Satz den Buches lautet ja: "Tatsächlich sind wir eine Freiheit, die wählt, aber wir wählen nicht, frei zu sein: wir sind zur Freiheit verurteilt" (838). Doch was genau steckt hinter diesem Credo der Existentialisten, dass der Mensch ein zur Freiheit verurteiltes Wesen ist? Meiner Ansicht nach bedeutet dieser Satz, dass jeder Mensch für sich allein dafür verantwortlich ist, sich ein persönliches Wertegerüst und einen persönlichen Lebenssinn zu konstruieren. Andere Menschen oder transzendente Einheiten, Götter, zum Beispiel, können dafür nicht länger herhalten. Dieser Gedanke entspricht in etwa Nietzsches Konzept des Übermenschen, welches zum Ausdruck bringt, dass nach dem Tod Gottes jeder Mensch für sich Quelle seiner persönlichen Wertmaßstäbe ist. Freiheit ist also zuallererst eine Verpflichtung und Herausforderung, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen: "Folglich ist meine Freiheit die einzige Grundlage der Werte, und nichts, absolut nichts rechtfertigt mich, diese oder jene Werteskala zu übernehmen. Als Sein, durch das die Werte existieren, bin ich nicht zu rechtfertigen" (106). Viele Menschen berufen sich auf Transzendentes, um die Frage nach dem 'Warum' ihrer Existenz zu beantworten. Diese Frage ist für Sartre jedoch irrelevant. Was zählt, ist das unleugbare Faktum, dass man existiert: "So ist die Faktizität überall, aber nicht erfaßbar; ich stoße immer nur auf meine Verantwortlichkeit, deshalb kann ich nicht fragen: 'Warum bin ich geboren?', den Tag meiner Geburt verfluchen oder erklären, daß ich nicht verlangt habe, geboren zu werden, denn diese verschiedenen Haltungen gegenüber meiner Geburt, daß heißt gegenüber dem Faktum, daß ich eine Anwesenheit in der Welt realisiere, sind eben nichts anderes als verschiedene Arten, diese Geburt in voller Verantwortlichkeit zu übernehmen und sie zur meinen zu machen" (954).
Zweiter zentraler Punkt ist die Bedeutung des anderen für die Freiheit eines Menschen. Erst durch die Blicke eines anderen erfahren wir uns überhaupt als Subjekte: "Wahrnehmen ist nämlich anblicken, und einen Blick erfassen ist nicht ein Blick-Objekt in der Welt erfassen [...], sondern Bewußtsein davon erlangen, angeblickt zu werden. [...] Was ich unmittelbar erfahre, wenn ich die Zweige hinter mir knacken höre, ist nicht, daß jemand da ist, sondern daß ich verletzlich bin, daß ich einen Körper habe, der verwundet werden kann, daß ich einen Platz einnehme und daß ich in keinem Fall aus dem Raum entkommen kann, wo ich wehrlos bin, kurz, daß ich gesehen werde" (467).
Faszinierend wird es, wenn Sartre seine Konzepte zur Erklärung der wohl mächtigsten und gleichzeitig geheimnisvollsten menschlichen Grundemotion anwendet: der Liebe. Was ist Liebe? Was heißt es, geliebt zu werden? Was geht in uns vor, so dass wir lieben oder geliebt werden wollen? Sartres Antworten sind brillant und entschädigen für die terminologischen Mühen, denen der Leser zu Beginn ausgesetzt ist. Liebe und Freiheit bedingen sich einander. Geliebt werden zu wollen bedeutet zu wollen, dass ein anderer Mensch seine Freiheit benutzt, um ihn/sie lieben zu wollen. In den Worten Sartres lautet dieser Gedanke: "Geliebt werden wollen heißt also den anderen mit der eigenen Faktizität infizieren, ihn zwingen wollen, einen fortwährend neu zu erschaffen als die Bedingung einer Freiheit, die sich unterwirft und engagiert" (645). Masochismus bedeutet nichts anderes, als zu wollen, kein Subjekt, sondern nur noch ein Objekt zu sein, also seine Freiheit negieren, sich "vom anderen absorbieren zu lassen und [sich] in seiner Subjektivität zu verlieren, um [sich seines] eigenen zu entledigen" (660). Masochismus als Methode, vor seiner Freiheit zu fliehen. Ebenso lässt sich auch die Motivation eines Sadisten erklären. Dieser versucht, seinen Trieb zu befriedigen, indem er sich die Freiheit seines Opfers anzueignen versucht: "[W]as der Sadist so versessen sucht, was er mit seinen Händen kneten und unter seiner Faust beugen will, ist die Freiheit des anderen: sie ist da, in diesem Fleisch, dieses Fleisch ist sie, da es eine Faktizität des anderen gibt; sie also ist es, die der Sadist sich anzueignen sucht" (703). Und auch "normaler" Sex hat nach Sartre zuallererst die Funktion, einen Menschen in seinem Sein, in seiner Existenz, zu bestätigen. Es wäre interessant zu wissen, wie Simone de Beauvoir, mit der Sartre eine enge Freundschaft verband, auf folgenden Satz reagiert hat: "[D]ie Obszönität des weiblichen Geschlechtsorgans ist die alles Klaffenden: es ist ein ruf nach Sein wie überhaupt alle Löcher; die Frau an sich ruft nach einem fremden Fleisch, mit dem sie durch Eindringen und Auflösen in Seinsfülle verwandelt werden soll" (1049).
Fazit: Es erscheint unfassbar, dass nur ein Mann dieses Buch geschrieben haben soll. Hier geht es um ein Thema, das jeden von uns tagtäglich beschäftigt: Um den Menschen in seiner Existenz, um den Menschen, der einen Sinn sucht, um den Menschen, wie er lebt, liebt, hasst, verachtet und begehrt. Sartres Darlegungen begeistern und faszinieren bis heute. "Das Sein und das Nichts" steht unbestritten im Zentrum abendländischer Philosophie des 20. Jahrhunderts.