Gogol ist fast schon klassisch. Nicht nur im kanonischen, sondern auch im literarischen Sinne (zumindest nach der Übersetzung zu urteilen in der ich ihn gelesen habe). In seinen Erzählungen verbindet er oft eine treffliche Erzählkunst mit dem Handlungsspielraum und der Form einer Novelle. Dass der Plot dabei Gogol des Öfteren schon fast in die Richtung von Edgar Allen Poe und/oder der phantastischen Literatur geht, macht seine Prosa nicht weniger klassisch. Denn trotz einer ihnen oft zugeschriebenen Obskurität oder humoresken Tendenz (beides vernahm ich nur schwach, was aber nicht heißen soll, dass beides nicht existiert), sind es im Kern doch sehr gewöhnliche Erzählungen, die weniger etwas Absurdes oder Komisches, denn etwas Geheimnisträchtiges haben, einen leichten Hang die Welt und ihre Absonderlichkeit, Wellen ins Übernatürliche schlagen zu lassen.
Nun macht aber viele Literaten ja hauptsächlich der Reichtum aus, den sie nicht hineinschrieben in ihre Texte, sondern der, der daraus scheint und der ihre Texte zeitlos machen kann.
Im gewissen Sinne ist Gogol (zumindest sein Roman "Die toten Seelen" und drei der fünf "Petersburger Erzählungen") zeitlos, denn die besten seiner Texte sind ein Gewinn ohne Wenn und Aber. Jedoch spürt man, vor allem bei den nicht herausragenden Texten einen, doch deutlichen, Verschleiß.
Für mich gehört Gogol, wie Heinrich von Kleist oder Edgar Allen Poe, zu den bemerkenswerten, bedeutsamen, aber nicht herausragenden Literaten ihrer jeweiligen Nationen. Genauso wie Kleist und Poe hat Gogol sicherlich wichtige Anstöße gegeben und manche geniale Zeile geschrieben, doch bleibt sein Werk (für mich) zu verzerrt, um es für das Höchste zu berufen.
Zur Ausgabe:
Inhalt:
Die toten Seelen (Roman)
Auszüge aus Briefen zu dem Roman
Abende auf dem Vorwerk bei Dikanjka (Erzählsammlung traditioneller ukrainischer Landprosa, mit dämonischen Einschüben - komplett enthalten.)
Der Wij (Bekannteste Erzählung aus der sonst nicht enthaltenden Sammlung "Mirgorod".
Petersburger Erzählungen ("Die Nase", "Das Portrait", "Der Mantel", D"er Newskij-Prospekt", "Aufzeichnungen eines Irren" - es fehlen "Rom", "Die Kalesche" und "Ein Bart".)
Der Revisor (Theaterstück - "Die Heirat", das andere Theaterstück, fehlt)
Nachwort
Zeittafel
Die Schrift ist in guter Größe, zum Lesen bestens geeignet, gehalten. Der Umfang der Ausgabe ist gut, doch versammelt diese Edition, die sich (bis auf den Romanteil) in keinem einzigen Grade wirklich auf Vollständigkeit berufen kann, tatsächlich nur "gesammelte/ausgewählte" Werke von Gogol.