Karl Mays Briefe mit seinem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld sind von der literarischen Tiefe her sicherlich nicht vergleichbar mit Eckermanns »Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens«, aber sie sind signifikant für das schwierige Verhältnis eines großen Künstlers mit einem wichtigen Vertrauten seines Werks. Beide, Autor und Verleger, hatten einen gemeinsamen Weg beschritten, der ihnen Ruhm und Vermögen eingebracht hatte. Doch anders als der Autor May, wusste der Verleger Fehsenfeld um so realistischer den Markt und die Publikumswünsche einzuschätzen. Während Fehsenfeld gerade nach der Jahrhundertwende einen klaren Blick darüber behielt, was sich an Karl-May-Büchern verkaufen ließ, verlor sich der Dichter immer mehr in seinem symbolistischen Weltbild und einer praxisfernen Verkennung der Leserwünsche. Die Winnetou-Welt der "Schatz-im-Silbersee"-Ära war zum großen Bedauern des Verlegers längst vorbei, was auch Auswirkungen auf die Verkaufszahlen der Gesammelten Reiseerzählungen hatte. Spannend und schockierend ist zu sehen, wie May vor allem seinen Verleger für die wirtschaftliche Abwärtsbewegung verantwortlich machte. Der Tonfall der Schriftstellerbriefe ist oftmals anmaßend, beleidigend und menschlich verletzend. Und dennoch - allen Kündigungen und Drohungen zum Trotz - blieben May und Fehsenfeld miteinander verbunden. Der nunmehr vorgelegte 2. Band des Briefwechsels durch die zwei herausragenden May-Forscher Dieter Sudhoff und Hans-Dieter Steinmetz gibt ein eindrucksvolles Bild über die Beziehung der beiden Protagonisten des Buches ab. Der Leser nimmt Anteil an einer überaus spannenden "wildwest-liken" Auseinandersetzung, die sich in den zahllosen Briefen zwischen Freiburg i. Br. und Radebeul abspielte. Die vorzügliche Edition der Briefe enthält alle notwendigen und informativen wissenschaftlichen Erläuterungen der Herausgeber sowie einen umfangreichen Registerapparat. Das Buch ist ein Muss für alle an Karl May interessierten Leser; es zeigt auch, dass sich spannungsreiche Konflikte nicht nur in des Dichters Werken, sondern auch innerhalb seiner Korrespondenz abspielten.