Nicht nur Erlerntes leben
Erich Frieds Werk als Wider-Spruch
Erich Frieds Werk wird umstritten und also lebendig bleiben, dafür sorgen schon die inhaltlichen und formalen Grenzüberschreitungen, die seine Lyrik und Prosa kennzeichnen. Wie die meisten Autoren seiner Generation hat er Konsequenzen aus dem Kriegserleben gezogen, und das macht sein Werk gutteils ungemächlich. Dass es jetzt in einer grossen vierbändigen Halbleinen-Klassikerausgabe vorliegt, zeigt es als angenommen, auch wenn der Preis wohl ein verlegerisches Wagnis darstellt.
Frieds Ausgangspunkt war die Frage, ob und wie sich angesichts des Holocaust eine Karriere als «deutscher Dichter» überhaupt denken lasse. Er fühlte sich, wie frühe Zeugnisse ausweisen, schon als (Wunder-)Kind für eine Sprecherrolle berufen, und die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts haben ihm diese nicht erspart.
Fried, 1921 in Wien geboren, trat bereits 1927 mit grosser Wirkung als Kinderschauspieler auf, schrieb ab 1930 Aufsätze und Gedichte, die vor allem durch die politischen Ereignisse provoziert waren. Dazu gehören das Erlebnis der Juli-Demonstrationen 1927 und das Niederschiessen von Arbeitern, die entschiedene Ausgrenzung als Jude (auch und gerade in der Schule) seit 1934, die Gründung einer kleinen Widerstandsgruppe. Nach dem Hitler-Einmarsch in Österreich 1938 wurden die Eltern verhaftet, der Vater starb an den Gestapo-Misshandlungen. Fried gelang die Emigration nach London, das er auch nach 1945 nur gastweise verliess.
Den grossen Erfolg brachten ihm die politischen Gedichte in den sechziger und die Liebesgedichte in den achtziger Jahren. Mit über 400 000 verkauften Gedichtbänden dürfte er der am meisten gelesene zeitgenössische Lyriker sein. Drei Bände bringen seine Gedichtbücher in zeitlicher Folge: sechziger, siebziger, achtziger Jahre, pro Jahrzehnt ein fast 700-Seiten-Band. Der Roman «Ein Soldat und ein Mädchen» (1960) und die Erzählungen füllen den vierten Band.
Erich Fried hat zeitlebens in Dichtung, in Kommentaren, Essays und Reden versucht, den Bedingungen von Krieg und Faschismus nachzudenken. Und das bedeutet speziell auch: den kulturellen und politischen Dimensionen des Judentums, den Ursachen und Auswirkungen des Antisemitismus. Sein Roman ist durch eine «wilde» Form charakterisiert: verschiedenartige Aufzeichnungen, Umschreibungen, Fabeln, Träume, Mythen und Parabeln, Sprachexerzitien, Kommentare bauen ihn auf. Das bildet die Fassungslosigkeit darüber ab, mit welcher Selbstverständlichkeit alle Versöhnungskonzepte ausgeschlagen wurden und werden. Ein aktueller, zuwenig beachteter Roman.
Ausdrücklich wendet sich der Text gegen alle Verdrängungen und plädiert dafür, «dass die Menschen Schuld und Mitschuld auf sich nehmen lernen, die sich aus unseren verschiedenen geschichtlichen Zusammenrottungen ergeben». Das sei freilich allein möglich, «wenn Menschen von der anderen Seite bereit sind, zu verstehen und zu lieben».
Am Grunde seiner Figuren findet der Erzähler: Sprache und das Versagen der Sprache. Es ist diese Erfahrung von der Sprachlichkeit unserer Welt, die auch den Typus von Frieds Lyrik bestimmt. Die frühen Gedichte Frieds sind durchaus noch konventionell in Form, Ton und Bildwahl. Die Begegnung mit dem literarischen Barock und der englischen Lyrik, die Rezeption der frühen Moderne führen Fried zu seinem Ansatz des «ernsten Wortspiels». Das macht für ihn auch eine «Lyrik nach Auschwitz» möglich: er fragt den (Sprach-)Bedingungen nach, unter denen Menschen ihr Fühlen und Denken fremdbestimmen lassen.
Im Zentrum des ersten Bandes stehen die «Warngedichte» und die vielgerühmten wie umstrittenen Texte «und Vietnam und» (1966). Der Typus des Warngedichts, der Fried eigentümlich zugehört, geht vom Vertrauen auf Gegen-Sprache aus, glaubt an Möglichkeiten der Aufklärung. Gibt es eine andere Perspektive? Das Gedicht «An die Schrecken der Zeit» beginnt:
Ich sehe euch in die Augen
ich höre euch in die Ohren
ich rede euch in den Mund
euer Wort ist mein Echo
Der Band «und Vietnam und» liess Fried eine Sprecherrolle zuwachsen, die er durchaus politisch interpretierte und wahrnahm. Das hat Frieds Namen fest mit dem Paradigma «politische Lyrik» verknüpft. Auch dass später vor allem Liebesgedichte folgten, hat daran wenig geändert. Es wäre an der Zeit, die (Vor-)Urteile zu überprüfen. Die politischen Gedichte «dröhnen» keineswegs, sind gerade nicht, wie Biermann uninformiert befand, «Gedachte», sondern bleiben jeweils der Sprache und den Formen, mit denen unser Wirklichkeitsverständnis manipuliert wird, auf der Spur.
«Ich bin zu reich an Toten», befand der 24jährige Fried: «Ich will nicht mit meinen Toten leben . . .» Die Formel «Lebensschatten», Titel des Gedichtbandes von 1981, hält fest, dass der Vorsatz «Die Welt ist für die Lebenden da» nicht ganz glücken kann. Der Band endet denn auch mit dem Gedicht «Ein schlechter Schüler»: «Das Leben hat mich gelehrt / dass ich es nicht verstehe / und nichts von ihm / lernen kann und lernen will . . .»
Die Konsequenz, die Fried aus der Situation zieht, «nach Auschwitz» zu leben und zu dichten, ist mit seiner Titelformel «Gegen das Vergessen» (Bund-Verlag, 1987) bezeichnet. In der Lyrik tritt das als Engagement hervor, und zwar als eines, man muss es stets wieder betonen, das sich gerade nicht nur inhaltlich durchsetzt.
«Wo lernen wir leben?» fragt Fried und setzt sofort hinzu, dass es nicht darum gehen kann, «nur Erlerntes zu leben». Es ist diese Haltung, die ihm ein so grosses Publikum unter Jugendlichen verschafft hat. Die Absage an das «Nur» trägt auch sein politisches Engagement: «Erst auf der anderen Seite der Nure / beginnt das Leben». Die Liebesgedichte, Zentrum des dritten Bandes, gewinnen ihre Intensität gutteils daher und gehen zugleich von der Gewissheit aus, dass es mehr gibt, als die Sprache uns mitteilen kann. Fried privilegiert für diese Aussage die Tautologie, als Weigerung, alles in Sprache zu übersetzen: «Es ist was es ist / sagt die Liebe».
So ist auch die Kleine Prosa orientiert: auf ein wörtliches Erzählen hin, das an den Zeichen der Wirklichkeit genug hat. Die Texte gehen vor allem von Erinnerungen aus. Die Entscheidung für das bezeugende Erzählen gibt dabei keineswegs den Kunststandpunkt auf, sondern betont recht friedisch, «wie sehr das richtige Wort uns mit echtem Sinn umgibt, ja zugleich umfängt und umfreit». Die «Verwahrlosung der Worte» und «die Welt in Gefahr» blieb für Fried ein und dieselbe Aussage. Wagenbachs Werkausgabe lädt ein, diesen Zusammenhang aufs neue zu bedenken.
Alexander von Bormann