Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Wahrheit und Methode
OA 1960 Form Sachbuch Bereich Philosophie
In Wahrheit und Methode entwickelte Hans-Georg Gadamer »Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik« (Untertitel) im Hinblick auf die Erfahrung von Wahrheit.
Entstehung: Den Entschluss, eine Theorie der Hermeneutik auszuarbeiten, fasste Gadamer 1950, nachdem er in Heidelberg die Nachfolge von Karl R Jaspers angetreten hatte. Zu dieser Zeit stand er erneut und in verstärktem Maße unter dem Einfluss von Martin R Heidegger.
Inhalt: Die beiden im Titel durch ein unscheinbares »und« verbundenen Begriffe bezeichnen ein bipolares Verhältnis angesichts des neuzeitlichen wissenschaftlichen Methodenbewusstseins. Gadamers Verständnis der Hermeneutik als Lehre des Verstehens schließt die Dimensionen der Selbst- und Welterfahrung ein. Innerhalb dieses weiten Horizonts widmet er sich den Erkenntniswegen in der Begegnung mit der philosophischen und literarischen Überlieferung. Insbesondere untersucht er fachwissenschaftliche Verfahren wie die Geschichtswissenschaft und deren Verwendung von Sprache.
Gadamer insistiert auf der Reflexion von Begriffen, die z. B. bei der Beschreibung historischer Phänomene verwendet werden. Der Historiker unterwirft andernfalls seine Gegenstände den eigenen »Vorbegriffen«. Indem diese unweigerlich am Verstehen beteiligt sind, wäre es jedoch ebenso naiv, sie stillschweigend beiseite zu lassen. Vielmehr verlangt das Verstehen beispielsweise eines Textes, »die eigenen Vorbegriffe mit ins Spiel zu bringen, damit die Meinung des Textes für uns wirklich zum Sprechen gebracht wird«. Die Vorbegriffe sind, fernab bloßer Subjektivität, eine Brücke auf dem Weg zur Wahrheit. Ein Beispiel für sein hermeneutisches Verfahren im Umgang mit Literatur gab Gadamer 1973 mit Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Paul Celans Gedichtfolge »Atemkristall«.
Wirkung: Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Wilhelm Dilthey (18331911) vertretene geisteswissenschaftliche Prinzip der Einfühlung (Das Erlebnis und die Dichtung, 1906) erweiterte Gadamer zu einer menschheitsgeschichtlich ausgestalteten philosophischen Hermeneutik. Sie führte zu einer 196771 öffentlich geführten Auseinandersetzung mit Jürgen R Habermas, der Gadamer als »traditionshörig« brandmarkte. Zugleich stärkte Wahrheit und Methode das Selbstverständnis der Geisteswissenschaft als Alternative zum vorherrschenden naturwissenschaftlichen Empirismus sowie zum Soziologismus. Das Werk beeinflusste in den 1980er Jahren z. B. die Literaturwissenschaft. C. W.
Wahrheit und Methode
OA 1960 Form Sachbuch Bereich Philosophie
In Wahrheit und Methode entwickelte Hans-Georg Gadamer »Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik« (Untertitel) im Hinblick auf die Erfahrung von Wahrheit.
Entstehung: Den Entschluss, eine Theorie der Hermeneutik auszuarbeiten, fasste Gadamer 1950, nachdem er in Heidelberg die Nachfolge von Karl R Jaspers angetreten hatte. Zu dieser Zeit stand er erneut und in verstärktem Maße unter dem Einfluss von Martin R Heidegger.
Inhalt: Die beiden im Titel durch ein unscheinbares »und« verbundenen Begriffe bezeichnen ein bipolares Verhältnis angesichts des neuzeitlichen wissenschaftlichen Methodenbewusstseins. Gadamers Verständnis der Hermeneutik als Lehre des Verstehens schließt die Dimensionen der Selbst- und Welterfahrung ein. Innerhalb dieses weiten Horizonts widmet er sich den Erkenntniswegen in der Begegnung mit der philosophischen und literarischen Überlieferung. Insbesondere untersucht er fachwissenschaftliche Verfahren wie die Geschichtswissenschaft und deren Verwendung von Sprache.
Gadamer insistiert auf der Reflexion von Begriffen, die z. B. bei der Beschreibung historischer Phänomene verwendet werden. Der Historiker unterwirft andernfalls seine Gegenstände den eigenen »Vorbegriffen«. Indem diese unweigerlich am Verstehen beteiligt sind, wäre es jedoch ebenso naiv, sie stillschweigend beiseite zu lassen. Vielmehr verlangt das Verstehen beispielsweise eines Textes, »die eigenen Vorbegriffe mit ins Spiel zu bringen, damit die Meinung des Textes für uns wirklich zum Sprechen gebracht wird«. Die Vorbegriffe sind, fernab bloßer Subjektivität, eine Brücke auf dem Weg zur Wahrheit. Ein Beispiel für sein hermeneutisches Verfahren im Umgang mit Literatur gab Gadamer 1973 mit Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Paul Celans Gedichtfolge »Atemkristall«.
Wirkung: Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Wilhelm Dilthey (18331911) vertretene geisteswissenschaftliche Prinzip der Einfühlung (Das Erlebnis und die Dichtung, 1906) erweiterte Gadamer zu einer menschheitsgeschichtlich ausgestalteten philosophischen Hermeneutik. Sie führte zu einer 196771 öffentlich geführten Auseinandersetzung mit Jürgen R Habermas, der Gadamer als »traditionshörig« brandmarkte. Zugleich stärkte Wahrheit und Methode das Selbstverständnis der Geisteswissenschaft als Alternative zum vorherrschenden naturwissenschaftlichen Empirismus sowie zum Soziologismus. Das Werk beeinflusste in den 1980er Jahren z. B. die Literaturwissenschaft. C. W.
Klappentext
"Nun ist gewiß praktische Philosophie nicht selber solche Vernünftigkeit. Sie ist Philosophie, das heißt, sie ist eine Reflexion, und zwar über alles, was menschliche Lebensgestaltung zu sein hat. Im selben Sinne ist die philosophische Hermeneutik nicht selbst die Kunst des Verstehens, sondern die Theorie derselben. Aber die eine wie die andere Form von Bewußtmachung steigt aus der Praxis auf und bleibt ohne sie ein bloßer Leerlauf. Das ist der besondere Sinn von Wissen und Wissenschaft, den es von der Problematik der Hermeneutik aus neu zu legitimieren galt."
Autorenporträt
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Gadamer, Hans-Georg dt. Philosoph *11.2.1900 Marburg/Lahn, 13.3.2002 Heidelberg Wahrheit und Methode, 1960 Hans-Georg Gadamer gehörte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den international beachteten Philosophen. Als Schüler von Martin R Heidegger geriet er in Kontroversen mit Vertretern der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Der Sohn eines Chemikers wuchs in Breslau auf. 1919 ging die Familie nach Marburg zurück, wo Gadamer sein im Vorjahr in Breslau begonnenes Studium der Philosophie fortsetzte. 1921 wechselte er nach München und promovierte dort 1922. 1924-27 studierte er klassische Philologie, legte das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab und habilitierte sich 1929 bei Heidegger. Gadamer lehrte 1934-37 in Kiel und Marburg, 1939 folgte er der Berufung an die Universität Leipzig. Nach einer Lehrtätigkeit in Frankfurt/Main (ab 1947) wurde Gadamer 1949 der Nachfolger von Karl R Jaspers an der Universität Heidelberg; hier lehrte er auch nach seiner Emeritierung 1968. Gadamers "tätiger Ruhestand" diente der Herausgabe seiner Schriften von der Aufsatzsammlung Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft (1976) über die Autobiografie Philosophische Lehrjahre. Eine Rückschau (1977) bis zu den Gesammelten Werken (10 Bde., 1985-95). Biografie: J. Grondin, Hans-Georg Gadamer, 1999.
Gadamer, Hans-Georg dt. Philosoph *11.2.1900 Marburg/Lahn, 13.3.2002 Heidelberg Wahrheit und Methode, 1960 Hans-Georg Gadamer gehörte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den international beachteten Philosophen. Als Schüler von Martin R Heidegger geriet er in Kontroversen mit Vertretern der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Der Sohn eines Chemikers wuchs in Breslau auf. 1919 ging die Familie nach Marburg zurück, wo Gadamer sein im Vorjahr in Breslau begonnenes Studium der Philosophie fortsetzte. 1921 wechselte er nach München und promovierte dort 1922. 1924-27 studierte er klassische Philologie, legte das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab und habilitierte sich 1929 bei Heidegger. Gadamer lehrte 1934-37 in Kiel und Marburg, 1939 folgte er der Berufung an die Universität Leipzig. Nach einer Lehrtätigkeit in Frankfurt/Main (ab 1947) wurde Gadamer 1949 der Nachfolger von Karl R Jaspers an der Universität Heidelberg; hier lehrte er auch nach seiner Emeritierung 1968. Gadamers "tätiger Ruhestand" diente der Herausgabe seiner Schriften von der Aufsatzsammlung Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft (1976) über die Autobiografie Philosophische Lehrjahre. Eine Rückschau (1977) bis zu den Gesammelten Werken (10 Bde., 1985-95). Biografie: J. Grondin, Hans-Georg Gadamer, 1999.