Es ist ein autobiografisches Buch, und doch behauptete sein Verfasser Nabokov später, es hätte nichts mit seiner Person und seinem Leben zu tun. Die Parallelen zwischen seinem Helden Fjodor und ihm selbst sind indessen unverkennbar. Wie der Autor wurde Fjodor zur Jahrtausendwende (1899 bzw. 1900) geboren, wie Nabokov musste Fjodor mit seiner Familie aus Russland emigrieren und lebte bis 1937 in Berlin, wie dieser blickt er zurück auf seine glückliche Kindheit, vergöttert den toten Vater, findet in Berlin die Frau fürs Leben, hat hier erste schriftstellerische Erfolge. Warum also die merkwürdige Behauptung Nabokovs? Vermutlich weil er in dem Buch in vielem von dem wirklichen eigenen Lebenslauf abwich oder je nach innerer Notwendigkeit bestimmte Züge übertrieb. Dies wiederum wird ihm ein Bedürfnis gewesen sein, um distanziert auf sein Lebensmaterial schauen und damit zum Zwecke der Selbsterkenntnis frei umgehen zu können.
Das Buch hat aus meiner Sicht einen Schönheitsfehler: Das 4.Kapitel ist ungenießbar. In diesem langen Kapitel probiert Fjodor sein schriftstellerisches Talent aus, indem er eine äußerst langwierige, philologisch akribische Analyse der Person und des Werks eines gewissen Tschernyschewskij (eines sozialistischen Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert) verfasst und diese in Gänze abgedruckt ist. Die Emigrantenzeitschrift, die den Roman "Die Gabe" zuerst 1937 in einzelnen Kapiteln veröffentlichte, weigerte sich zu Nabokovs Unwillen kategorisch, dieses Kapitel zu drucken. Vielleicht auch, weil Nabokov alias Fjodor in der Person Tschernyschewskijs eine sozialistische Ikone angriff, indem er in der Auseinandersetzung mit diesem Schriftsteller seine eigene Haltung zur Literatur herausarbeitete und abklärte. Das mag für Nabokov wichtig gewesen sein, in jener Zeit eine andere Aktualität besessen haben, liest sich aber heutzutage sehr mühsam.
Abgesehen davon schreibt Nabokov urban, ironisch und kühl aus einem absolut sicheren und souveränen Gefühl heraus, ja, man kann sagen, dass Fjodor/Nabokov keine eigentliche Entwicklung durchmacht, er scheint von Anfang an fertig zu sein, sich lediglich im künstlerischen Bereich zu entwickeln. Vielleicht hängt dies mit der emotionalen Sicherheit und gründlichen Bildung zusammen, die Nabokov aus seinem liebevollen und gebildeten adligen Elternhaus mitbrachte.
Er dringt mit präzisen und ungewöhnlichen Beschreibungen in die dunklen Territorien der Psyche, in seine Stimmungen und Empfindungen vor, er satirisiert die russischen Mitemigranten und auch die Deutschen, die ihm überwiegend abstoßend erscheinen, oder er versucht Orte, Atmosphären, Erinnerungen zu fixieren, "damit sie nicht in einer Ecke der Rumpelkammer seiner Seele verlorengingen, ein Wunsch, dies alles für sich selbst zu verwenden, für seine Ewigkeit, für seine Wahrheit." (550).. Wie ein Schmetterlingsjäger (der Nabokov ja auch war), jagt der Schriftsteller die seltene, treffende Metapher und Formulierung - nicht um damit zu prunken, sondern weil er überzeugt ist, dass in überraschendenden Details die Wahrheit aufblitzen kann: "Man schaut einen Menschen an und sieht ihn so klar, als sei er aus Glas und man selber der Glasbläser, während man zur gleichen Zeit, ohne diese Klarheit im geringsten zu beeinträchtigen, eine Kleinigkeit nebenbei bemerkt - welche Ähnlichkeit etwa der Schatten des Telefonhörers mit einer riesigen, leicht zerquetschten Ameise hat.." (266).
Fjodors Leben gehört der Literatur, und damit erklärt sich auch der Titel - "Die Gabe" - das ist sein schriftstellerisches Talent, das ihm das Wichtigste im Leben und zweite Natur ist. Immer wieder finden sich Beschreibungen, wie Fjodor lebt und gleichzeitig dieses Leben in Literatur umwandelt. Mag in Kapitel 4 diese Hingabe an die Literatur in der kritischen Detailanalyse eines anderen Werks zu sehr auf die Spitze getrieben zu sein, so ist das Buch im Übrigen ein literarischer Genuss und hervorragend geeignet, um mit Nabokov bekannt zu werden. Übrigens: Einmal erzählt ein unsympathischer, alter russischer Emigrant Fjodor den Inhalt von "Lolita", dem Buch, das später, 1955, Furore machen sollte (303). Ein erster Hinweis auf Nabokovs Beschäftigung mit dem Stoff?