Edgar Allan Poe ging einst bei seinem Aufenthalt in Providence an dem Haus vorbei, das die Hauptrolle in "Das gemiedene Haus" innehat. Es wird von den Menschen vor Ort gemieden, da es eine unerklärlich hohe Anzahl an Tod und Wahnsinn in ihm gab. Ein Mann erforscht immer weiter die Geheimnisse des Gebäudes, um am Ende seine Neugier befriedigt zu bekommen. Doch wollte er das wirklich wissen ...
Die Geschichte hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits wird sehr gut ein unheimliches Flair entwickelt, andererseits sind die vielen Details etwas ermüdend zu lesen. Die Lösung des Problems ist dann angesichts des jahrhundertelangen Grauens arg einfach geraten.
Einen für ihn völlig untypischen Plot beziehungsweise Schauplatz liefert Lovecraft in der Erzählung "In den Mauern von Eryx" ab, die er zusammen mit Kenneth Sterling verfasste. Hier entführt er den Leser auf den Planeten Venus, auf dem in ferner Zukunft die Menschen nach Kristallen schürfen, welche zur Energiegewinnung eingesetzt werden. Dummerweise leben auf der Venus Echsenwesen und diese verehren die Kristalle kultisch. Doch das entpuppt sich als kleinstes Problem für den Protagonisten, der die Geschehnisse in seinem Tagebuch festhält, denn er findet einen Ort, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes aufhält ...
Horror sucht man in dieser Science-Fiction-Geschichte vergebens. Lovecraft entwickelt viele gute Ideen, was vergessen macht, dass die Venus nach heutigem Wissensstand völlig verkehrt dargestellt wird. Ein Kritikpunkt ist aber, dass die Geschichte etwas zäh zu lesen ist. Kolonisierung und menschliche Überheblichkeit sind auch Themen, wobei hier Lovecraft eine für ihn eher ungewohnte Einstellung einnimmt. Wer Lovecraft abseits seiner Horror-Geschichten kennenlernen möchte, kommt an dieser Geschichte eh nicht vorbei.
Etwas ungewöhnlich geht es weiter, denn "Gefangen bei den Pharaonen" schrieb Lovecraft als Ghostwriter für Harry Houdini. Der weltberühmte Entfesselungskünstler selbst wird in dieser Geschichte auf einer Ägyptenreise von ihm übel gesinnten Arabern in eine Falle gelockt und in einen wirklich tiefen Schacht abgeseilt. Houdini selbst weiß nachträglich nicht mehr, was wirklich geschehen ist oder nur Einbildung war. Denn was er dort unten zu sehen bekam, darf einfach nicht existieren ...
Eine Geschichte, die dem Rezensenten beim erneuten Lesen besser gefiel als beim ersten Mal und das nicht nur wegen dessen Vorliebe für das Auftreten historischer Persönlichkeiten. Eine Geschichte, die viel mit düsteren Andeutungen arbeitet und kleine Schwächen hat, trotzdem aber lesenswert ist.
Die letzte Geschichte ist dann auch die längste, denn der geneigte Leser darf sich an "Berge des Wahnsinns" erfreuen. Ein Team der Miskatonic-Universität unternimmt eine Forschungsreise in die Antarktis und stößt dort auf nach wissenschaftlichen Erkenntnissen unmögliche Fossilien. Doch schon bald gibt es die ersten Toten und dann stoßen zwei der Wissenschaftler auf eine wahrhaft uralte Stadt, deren Geheimnisse unglaublich sind ...
Dass die Geschichte in einem bewusst wissenschaftlichen Duktus gehalten ist, kann ihr als Vor- wie Nachteil ausgelegt werden. Auch dadurch kommt sie etwas schwer in Gang und der Leser erfährt bei Weitem nicht alles, was ihn interessiert. Aber sie ist für viele Fans eine der wichtigsten und besten Geschichten des Großmeisters des Horrors, die jeder Lovecraft-Fan gelesen haben sollte.
Die Bonusmaterialien sind von unterschiedlichem Wert. Die "Geschichte des Necronomicons" ist eine praktische Übersicht über die diversen Auflagen des von Lovecraft erfundenen Mythos-Buches, mehr auch nicht. Mit Katzen und Hunde" folgt ein Text, der zwar für Katzenfreunde recht amüsant zu lesen ist, aber auch völkisch-rassistische und anti-humanitäre Ansichten aufweist. Überhaupt ein völlig subjektiver Text, der Hunde sowie deren Besitzer diskreditiert. Das kurze Gedicht "Für Klarkash-Ton, Lord of Averoigne", das Clark Ashton Smith gewidmet ist, soll hier einfach als Geschmackssache bezeichnet werden, löblich aber, dass auch das englische Original abgedruckt ist. Leider sehr kurz sind dann die Erinnerungen an Lovecraft von Hazel Heald, auch hier zeigt sich ein differenzierteres Bild der Persönlichkeit Lovecrafts abseits des gepflegten Klischees vom Einsiedler von Providence.
Es muss hier eingestanden werden, dass die Qualität der Übersetzung aus dem Englischen mangels Vorliegen der Originaltexte nicht bewertet werden kann, aber der deutsche Text ist angenehm lesbar. Es ist aber mutig vom neuen Übersetzer A. F. Fischer, dass er den Klassiker Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt neu mit Es ist nicht tot, was ewig liegt, und in fremder Zeit wird selbst der Tod besiegt übersetzt. Das Bonusmaterial wurde von Malte S. Sembten übersetzt. Erfreulicherweise ist die Arbeit des Lektorats im vorliegenden Band wesentlich sorgfältiger geraten als im ersten Band.
Der vorliegende Band ist ein schön gemachtes Hardcover in edler Aufmachung mit Schutzumschlag und Lesebändchen, das eine interessante Auswahl von Geschichten des Großen Alten der Horrorliteratur beinhaltet. Leider weisen viele der Geschichten Schwächen auf, sind andererseits aber auch leicht zu lesen. Für den Erstkontakt mit Lovecraft ist "Necronomicon" trotzdem nur eingeschränkt empfehlenswert, die Fans und Sammler können sich aber über eine gute Verstärkung für ihre Sammlung freuen.