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Nabokovs Drehbuch, neu ediert
Die Literatur ist ein geiziges Medium. Nüchtern betrachtet arbeitet sie nur mit 26 Buchstaben, die sich zu Wörtern, Sätzen und Texten verbinden lassen. Der Schluss, dass die Literatur eine defiziente Kunst sei und mithin tiefer als die Musik, die Malerei oder der Film stehe, wäre allerdings vollkommen verfehlt. In der Möglichkeit, bestimmte Informationen nicht festlegen zu müssen, liegt eine der grössten künstlerischen Chancen der Literatur. Gerade in Vladimir Nabokovs Prosa kommt dem Verschwiegenen zentrale Bedeutung zu, während das Gesagte oft nur als Ablenkungsmanöver dient. Das gilt in besonderem Masse für seine «Lolita» aus dem Jahr 1955. Nur vordergründig handelt dieser Roman von der pädophilen Leidenschaft eines knapp vierzigjährigen Literaturdozenten für ein zwölfjähriges «Nymphchen». Viel wichtiger als die Story, die beim Erscheinen des Buchs soviel Lärm erzeugt hat, ist das Bewusstseinsporträt eines Besessenen mit all seinen geheimen Wünschen und schiefen Rechtfertigungsstrategien. Nabokov präsentiert deshalb das ganze Romangeschehen aus der eingeschränkten, ja sogar verzerrten Perspektive des Ich-Erzählers.
Es spricht für den literarischen Geschmack des kürzlich verstorbenen Regisseurs Stanley Kubrick, dass er sich bereits 1958 die Filmrechte des umstrittenen Romans sicherte, der zunächst nur in einem drittklassigen Pariser Verlag erscheinen konnte. Nabokov nahm Kubricks Angebot, ein Drehbuch für den Film zu verfassen, erst nach anfänglichem Zögern an: Neben dem grosszügigen Honorar von 40 000 Dollar, das etwa das Siebenfache von Nabokovs früherem Jahreseinkommen als Professor in Cornell ausmachte, war es ein szenischer Einfall, der ihn dem Projekt zustimmen liess. Nabokovs Stimmungswandel ist um so erstaunlicher, als er zuvor nur schon die Abbildung eines «Nymphchens» auf dem Buchumschlag seines Romans strikt abgelehnt hatte. Nabokovs Grundidee beruhte auf einer subjektiven Kameraführung, die durch Trickaufnahmen und Überblendungen die intimen Phantasien des Protagonisten sichtbar machen sollte. Allerdings gelangen Nabokov in seinem Drehbuch nur wenige filmisch überzeugende Szenen. Darunter befindet sich etwa jene Einstellung, die zuerst Lolita beim Rock'n'roll zeigt und nachher langsam auf den Adamsapfel ihres zuschauenden Verehrers zufährt. Als Kuriosum zu erwähnen ist eine Hitchcock-Reverenz: Nabokov sah eine kurze Szene vor, in der er selbst als Schmetterlingsjäger auftritt und vom Liebespaar nach dem Weg gefragt wird. (Übrigens erkundigte sich Hitchcock 1964 bei Nabokov, ob er ein Drehbuch für ihn schreiben wolle die Zusammenarbeit scheiterte jedoch an den divergierenden Interessen der beiden Meister: Hitchcock wollte die Psyche eines Mädchens zeigen, das mit dem Bösen konfrontiert wird; Nabokov hingegen schlug eine Liebesgeschichte mit Science-fiction-Hintergrund vor.)
Im Vorwort zu seinem Lolita-Drehbuch, das schliesslich weder bei Stanley Kubricks Verfilmung aus dem Jahr 1962 noch bei Adrian Lynes Remake von 1997 verwendet wurde, räumt Nabokov ein, dass er kein Dramatiker sei. In der Tat liegt seine faculté maîtresse nicht im direkten Dialog, sondern im kunstvollen Arrangement verschiedener Erzählebenen. Der Versuch, solche Verfahren durch den Einsatz von Off-Stimmen oder gefilmten Metaphern zu imitieren, wirkt im neuen Medium allerdings forciert. Als Nabokov sein Drehbuch 1974 in einer gekürzten Fassung veröffentlichte, wollte er es deshalb nicht in erster Linie als Filmvorlage, sondern als neue Variante seines Romans verstanden wissen. Der Herausgeber der deutschen Nabokov-Werkausgabe, Dieter E. Zimmer, hat nun erstmals alle vorhandenen Entwürfe zum Lolita-Drehbuch gesammelt und präsentiert sie in einer sorgfältig edierten Lesefassung. Paradoxerweise bestätigt sich Nabokovs ästhetisches Credo noch in der letztlich gescheiterten Filmversion des Romans: Nicht der Stoff ist bei einem Kunstwerk zentral, sondern die formale Ausarbeitung.
Ulrich M. Schmid -- Neue Zürcher Zeitung
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