Ärzte sind nett und menschenfreundlich? Krankheiten sind besiegbar? Die Karibik ist ein Paradies voller Traumstrände und Longdrinks? Alles ganz falsch. Ernst Weiß entführt uns geradewegs in die Hölle. Nur einer behält einen kühlen Kopf - jedenfalls fast immer. Das ist Georg Letham (Name geändert), dessen Lieblingslektüre "Hamlet" ist. Letham ist Arzt, Mörder (wie uns der Titel schon verrät), besessener Forscher und hat ein winziges Problem mit seinem Vater. Der war auch schon besessener Forscher und schonte weder sich noch seine Angehörigen. Die Menschen teilt er in Frösche und Ratten ein. Das tut Letham auch - auf seine Weise: Frösche sind harmlos, durchschnittlich und schleimen sich ein, Ratten sind intelligent, böse und unbesiegbar. Beiden Typen wird Letham begegnen. Ob er selbst eine Ratte ist, diese Frage stellt er sich nie.
Wir schreiben das Jahr 192.... Letham ist auf einem Seelenverkäufer unterwegs in die Karibik. Grund: Haftbeginn in einer karibischen Strafkolonie wegen kaltblütigen Mordes an seiner reichen, aber von ihm zutiefst verachteten Gattin. Letham ist das egal. Was sind schon Weiber? Die Strafinsel kommt ihm sehr zu Pass, zwecks ausgiebigen Forschens. Da wütet nämlich Y.F., eine tödliche Krankheit, die sich unschwer als Gelbfieber identifizieren lässt. Der Ansteckungsweg ist noch nicht bekannt, aber Letham wird's schon rausfinden. Stirbt er dabei - umso besser, nach Hause zurück will er eh nicht mehr.
Er findet ein Team von Spezialisten im Inselkrankenhaus vor, die er von früher kennt: Einen streng sachlichen Militärarzt und seinen früheren Uni-Freund Walter, einen netten Kerl. Der könnte ein besessener Forscher sein, stünde er nicht so furchtbar unter der Fuchtel seiner hysterischen Frau Alix. Die mag Letham nun überhaupt nicht, aber als Forschungsobjekt ist sie höchst willkommen.
Zunächst aber gibt es ein weibliches Wesen, ein junges Mädchen, das mit schwersten Y.F.-Symptomen eingeliefert wird. Während sie an mehr und mehr Blutungen und immer höherem Fieber leidet, glaubt sie doch bis zum Schluss, Letham werde sie retten, weil er sich liebevoll um sie kümmert, und umarmt ihn. Die Liebe trifft ihn wie ein Schlag, doch Monika stirbt qualvoll nach einem trügerischen Intervall der Besserung. Letham ist schwer getroffen.
Da kommt ein alter, etwas verwirrter Pfarrer ins Krankenhaus und erzählt von seiner Theorie: Dass Y.F. durch nichts anderes als durch Mücken übertragen wird. Mücken? Das will Letham gleich ausprobieren und schlägt eine Reihe von Selbstversuchen unter seinen Kollegen vor. Mut haben sie alle, das muss man ihnen lassen: Sie setzen sich gegenseitig die verdächtige Spezies, Stegomyia, auf die Arme. Der Reihe nach verfallen sie dem Fieber und überleben nur durch Glück. Letham selbst überlebt nur knapp.
Währenddessen versucht die hochschwangere Alix, ihren Mann Walter zum Verlassen der Insel zu bewegen. Hysterische Szenen häufen sich, Letham wird immer genervter. Da kommt ihm eine Idee: Er könnte doch mit ihrer Hilfe herausfinden, ob Y.F. sich auf ungeborene Babys überträgt. Natürlich ohne sie vorher zu fragen. Nichts wie her mit einer infizierten Mücke und diese auf Alix angesetzt! Was macht es schon, wenn so eine stirbt...
Nichts passiert. Alix bleibt gesund. Als ihr Baby sich anmeldet, ist Letham als Geburtshelfer gefragt. Unabsichtlich macht er einen Fehler: Da das Baby falsch liegt, versucht er es zu drehen und benutzt dabei eine nicht desinfizierte Hand. Sein Assistent March, hoffnungslos in Letham verliebt, beobachtet die Szene.
Alix und das Baby überstehen die Geburt, doch in den Augen Marchs ist Letham nun ein Mörder. Er hält den Vorfall für beabsichtigt und droht, alles Walter zu erzählen. Letham soll zur Waldarbeit strafversetzt werden. Doch das ist ihm egal: Er hat den Beweis erbracht, dass Y.F. von Mücken, nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird. Er war bereit Menschen zu opfern, doch auch sich selbst. Die Insel wird Y.F.-frei - und Letham ist zum Helden der Humanität geworden, obwohl er nichts so sehr verachtet wie Humanität.
Perfekter Gruselthriller mit philosophischem Anspruch, der bis zum Schluss die Frage offenhält, warum Letham so handelt, wie er handelt. Ernst Weiß war selbst Arzt und wuchs konfliktreich auf. Während der Nazizeit beging er, als Jude verfolgt, Selbstmord. "Georg Letham" ist, wie ich finde, sein bestes Buch und das zweitbeste ist "Der arme Verschwender", das ebenfalls einen Vater-Sohn-Konflikt zum Thema hat.