Etwa 90% aller Menschen in unserer Gesellschaft sehen sich fälschlicher Weise als "Homo Clausus"- also als ein verschlossener, von anderen Menschen getrennter Mensch! An der Universität Hannover beschäftige ich mich nun seit einger Zeit ausgiebig mit dem Menschenwissenschaftler Norbert Elias. Wie kein anderer Soziologe versteht er es, am realitätsangemessensten menschliche Figurationen und Interdependenzen zu veranschaulichen. Wie oft sehen wir uns hilflos den Zwängen der Gesellschaft ausgesetzt ohne zu wissen, warum sich alle so verhalten, wie sie es tun und wir gewinnen den Eindruck, dass wir ohnehin nichts daran ändern können! Ein Umdenken ist gefragt. Menschliches Leben ist nicht systematisch sondern ein Prozeß und nicht einzelne Personen bestimmen was geschieht, sondern das, was dabei herauskommt, wenn alle sich so verhalten, wie sie sich gegenseitig zwingen, es zu tun. Mehr Einsicht in diese Zwänge bedeutet Mythen zu entlarven, mehr Freiheit zu gewinnen und dieses bedeutet auch ein "sich-öffnen" zu anderen Menschen, weil man versteht, dass die Selbstwänge, die sich "in einem" befinden, aus verinnerlichten Fremdzwängen hervorgegangen sind. Dieser Umdenkprozeß führt dazu, dass der Leser während er Seite um Seite liesst, sich immer weiter von dem realitätsunangemessenen Selbstbild des "Homo Clausus" entfernt, weil ihm die Zusammenhänge klar werden und er erkennt, dass man garnicht so "besonders" ist. Diese Erkenntnis ist paradoxer Weise als positiv zu werten, auch wenn unsere Gesellschaft (Wir alle sind ein Teil von ihr und das eine existiert nicht ohne das andere!) den Individualismus hochleben lässt, ohne die Schattenseiten zu bedenken. Lediglich ein Stern nehme ich dem Buch weg, weil es eben sehr wissenschaftlich geschrieben ist und es etwas dauert, bis man sich eingelesen hat, um wirklich etwas zu verstehen. Es empfiehlt sich, vorher Norbert Elias "Was ist Soziologie" und/oder andere Werke gelesen zu haben - am besten ist es natürlich, man belegt zusätzlich ein Seminar!