Ich bin kein Gernhardt-Kenner. Vielmehr wollte ich durch den Erwerb dieses Buches Gernhardt gerade kennen-lernen, nachdem ich hier und da - und immer mal wieder - über ein paar Zeilen von ihm gestolpert war. Und zum Kennenlernen eignet sich das Buch hervorragend, aus diesen Gründen:
1. Es ist ästhetisch.
In der Hand liegt ein schönes, knuffiges, in grünes Leinen gebundenes Buch mit Lesebändchen. Ohne Schutzumschlag zwar, aber das ist eher von Vorteil – denn wenn es einen Umschlag gäbe, würde ich ihn nicht entsorgen, sondern drumlassen und der schöne grüne Leineneinband bliebe unbesehen. Wie ein herrlicher Holztisch unter einer Tischdecke. Wäre doch schade.
2. Es ist vielseitig.
Es versammelt die unterschiedlichsten Gedichte in einem Band und zeigt damit viele Facetten dieses Autors. Ich gestehe, wenn ich den Namen Robert Gernhardt hörte, nahezu ausschließlich an die Gattung Nonsens-Gedicht gedacht zu haben. Sprachspiel mit Witz und ja, auch Tiefgang. Aber eben immer mit Witz. Mit einer solchen Ernsthaftigkeit, wie sie zB. in einigen der „K-Gedichte“ (teilweise ungereimt) zum Ausdruck kommt, hatte ich demgegenüber nicht gerechnet. Und die wirft dann auch wieder ein ganz anderes Licht auf die „lustigen“ Verse... Vergleichbar vielleicht mit dem Effekt, der sich einstellt, wenn man von einem Maler, den man nur aus der abstrakten Kunst kennt, plötzlich die herrlichsten Bleistift-Naturstudien sieht – schaut man dann nicht auch mit anderen Augen auf die Farbflächen?
Der Band beginnt mit „Vier Gedichte aus Schul- und Studienzeit 1954/56, 1961“ – und endet mit den „K-Gedichten 2004“. Dazwischen finden sich: „Gedichte aus besternte Ernte 1976“, „Gedichte aus der ‚Welt im Spiegel’ (‚WimS’) 1971-75“, „Gedichte aus Wörtersee 1981“, „Ein Gedicht aus der ‚Titanic’ 1981“, „Vier Gedichte aus Ich Ich Ich 1982“, „Körper in Cafés 1987“, „Die Florian-Freyer-Gedichte 1991“, „Das Stadtschreibergedicht 1992“, „Weiche Ziele 1994“, „Lichte Gedichte 1997“, „Gedichte aus Klappaltar 1998“, „Berliner Zehner 2001“, „Im Glück und anderswo 2002“.
Diese chronologische Ordnung erleichtert es dem Leser, Entwicklungen des Autors nachzuspüren. Überhaupt mag ich bei Gedicht-Sammelbänden die chronologische Ordnung lieber als die thematische – ich fühle mich dann an die Hand genommen und weiß bei der Lektüre, auch und gerade wenn ich das Leben des Autor wenig bis gar nicht kenne, immer, wo ich gerade stehe. Im besten Falle hat man am Ende das Gefühl, sowohl einen Gedichtband als auch eine Biographie des Autors in den Händen zu halten...
3. Es enthält Anmerkungen des Autors.
Auf reichlich 70 Seiten Anhang kommentiert der Autor teils seine Gedichte, teils die Entstehungsgeschichte der Gedichtbände, aus denen die Werke entnommen sind. Und zwar mit dem ihm eigenen Augenzwinkern, sodaß die Lektüre des Anhangs nicht nur Informationen, sondern auch Lesegenuß bietet. Erfrischend auch, daß Gernhardt Schwerpunkte setzt und nicht sklavisch „zu allem etwas sagen muß“.
Das führt zu meinem einzigen kleinen Kritikpunkt: Wenn man ein Gedicht im Gedichtteil liest, weiß man nämlich nicht, ob es gerade hierzu einen Kommentar des Autors gibt oder nicht. Bei mir führte das zu nervigem Hin-und-hergeblättere, bis ich mich entschloß, zuerst den Anhang zu durchforsten und mir meine Verweise selbst in den Gedichtteil zu schreiben... Naja, vielleicht ist ja diese Arbeit am Buch gar gewollt, wer weiß... ;-)
Beschlossen wird der Band durch alphabetische Verzeichnisse der Gedichttitel und Gedichtanfänge.
Fazit: Ein schöner Band für den Einstieg und zum Schmökern. Viel Inhalt - trotzdem nicht erdrückend.