Was für ein Schnäppchen!
Aus gegebenem Anlaß (nach der anregenden Lektüre von Krachts Roman "Imperium" wollte ich mich vom unbestrittenen Altmeister fantastischer Südsee- und anderer Kolonialgeschichten, Somerset W. Maugham, wieder einmal in die scheinbar wirkliche Kolonialzeit zurückversetzen lassen) habe ich mir vor einigen Tagen bei Amazon die zweibändige Sammlung von Meistererzählungen "Ost und West" und "Der Rest der Welt" aus dem Diogenes Verlag bestellt. Meine hochgespannten Erwartungen sind weit übertroffen worden.
Auf insgesamt 2500 Seiten, auf Dünndruckpapier, in einem prachtvollen Schuber, und im für den Diogenes Verlag typischen Oktavformat (Rückenhöhe der Bücher 19 cm) habe ich ein außergewöhnliches, spannendes, aufwendig, ja geradezu üppig ausgestattetes Leseerlebnis für die kommenden Wochen geliefert bekommen. Alle Buchenthusiasten werden wissen, was ich meine, wenn ich behaupte, ein Buch müsse am besten (natürlich) nicht nur alle Erwartungen an seinen Inhalt erfüllen, sondern sollte dem Leser auch gut in der Hand liegen. Letzeres ist bei den Oktav-Bänden von Diogenes fast immer der Fall, aber besonders bei den beiden wunderschönen Bänden von Somerset Maugham, dem beliebtesten und, bezogen auf die Auflage seiner Bücher, verbreitetsten englischsprachigen Autor des 20. Jhrdts., vielleicht neben George Orwell, dem es buchstäblich gelungen ist, die Welt in Ost und West, wiedererkennbar, zwischen zwei Buchdeckel zu binden.
Somerset W. Maugham, geboren 1874, unter bemerkenswerten Umständen in der britischen Botschaft in Paris, was ihn erst zum englischen Staatsbürger machte, ist zunächst französischsprachig aufgewachsen und hat Englisch, sozusagen als Zweitsprache, erst später sprechen und vor allem schreiben gelernt. Zu Großbritannien hatte er immer ein eher zwiespältiges Verhältnis, hatte sich nach eigenen Worten dort nie heimisch gefühlt, und gerade das machte seine später gerade dort so populären Erzählungen und Romane so faszinierend. Sie hielten den Menschen des gesamten Commonwealth gewissermaßen einen unparteiischen Spiegel vor, dessen Erscheinungsbild bis auf den heutigen Tag nichts von seiner Faszination verloren hat.
Besonders die Erzählungen, die in den südostasiatischen Kolonien, der Engländer, aber auch der Holländer und Franzosen, angesiedelt sind, vermitteln einen dichten und auf bestimmte Art und Weise glaubhaft realistischen Einblick in die Welt, wie sie sich im letzten Jahrhundert Kolonialismus, als sich dieser noch einmal auf einem Höhepunkt zu befinden schien, in der Wirklichkeit in Rangoon, New Delhi, Jakarta oder Honululu damals darstellte. Wer bis spätestens in die 60er Jahre des 20. Jhrdts. das Glück hatte, eines der von Maugham bereisten Länder in Südostasien nicht nur en passant "zu erfahren", erkennt in den Erzählungen vieles wieder, was ihm selbst in Erinnerung geblieben ist.
Somerset W. Maughams Art zu schreiben war ihm sehr eigen, und sie war unverwechselbar in vielerlei Hinsicht. Selbst hat er es so beschrieben: (der Autor) "arrangiert das Leben nach seinen Vorstellungen. Er folgt einem bestimmten Entwurf, läßt dieses oder jenes Element aus, bearbeitet die Fakten für seine Zwecke. Und wenn er sein Ziel erreicht hat, hat er ein Kunstwerk geschaffen".
Auf 2500 Seiten liegen diese Kunstwerke jetzt zum Wiedereintauchen vor mir, und ich freue mich auf jede einzelne Seite, die ich lesen darf. Und das ganze Vergnügen auch noch zum Schnäppchenpreis! Wer hätte gedacht, daß das heute noch möglich ist?