Das Gift kam aus Byzanz
John Updike enthüllt die Vorgeschichte zu «Hamlet» Von Werner von Koppenfels
Wenn die Klappentextschreiber der Originalausgabe richtig gezählt haben, ist dieser erste Updike des neuen Jahrtausends das 51. Buch seines Autors. Als solches lässt es keine Symptome nachlassender Phantasie oder abklingender Sprachlust erkennen, wohl aber eine nahezu unverfrorene Leichtigkeit narrativer Meisterschaft. Natürlich geht es bei dieser Hommage an Shakespeare, die die Bösewichter seines «Hamlet» im Titel führt, nicht ohne allerlei Inversion und Subversion ab. Was wirklich faul ist im Staate Dänemark, vermag nur eine schonungslose Offenlegung der Vorgeschichte zu klären. Während diese im Stück durch Geisterauftritte, quälende Ahnungen und die Dramaturgie der Mausefalle rückblickend und allmählich ans Licht kommt, enthüllt sie der Roman in linearer Progression, wobei die königlich-dänische Dreiecksbeziehung in neuem und ganz anderem Glanz erstrahlt. Dabei nähert sich Updike der Tragödienschwelle gleichsam genetisch, nämlich über die beiden Quellentexte, die «Dänische Geschichte» des Saxo Grammaticus und die «Tragischen Erzählungen» des Franzosen Belleforest. Um das Eigentümliche dieser Sicht zu unterstreichen, tragen die Personen in den ersten beiden Teilen ihre für uns befremdlichen Namen aus den Vorlagen, und erst im dritten und letzten die aus Shakespeare vertrauten: Gerutha Geruthe Gertrude; Amleth Hamblet Hamlet. Bei den übrigen Figuren ist die Namensdifferenz noch grösser. Hamlets Onkel und späterer Stiefvater Fengon/Feng latinisiert sich erst nach der Thronübernahme zu Claudius, und der Haushofmeister Corambis (so noch im ersten zeitgenössischen Druck des Dramas) zu Polonius. Jung-Hamlet wird auf vielsagende Weise marginalisiert, wie schon vor Jahren in Stoppards «Rosencrantz und Güldenstern»; er geistert nur schattenhaft über die Szene. Aus der Sicht seiner Mutter, die dem knappen Roman eine Art Zentralperspektive gibt, ist er ein abweisender, Bedrohliches brütender Finsterling. Hamlet senior, genannt der Hammer, erweist sich je länger, je mehr als kalter Sohn des Nordens und potenter Machtmensch; nicht unbedingt inhuman, solange niemand an seiner Sicht der Dinge, die eine fest gefügte Hierarchie der Geschlechter einschliesst, rüttelt. Sein Bruder dagegen, Shakespeares Oberschurke, spielt den Part des romantischen Liebhabers. Weit gereist, beredt in Worten und Gesten, strahlt er etwas von der Wärme des fernen Südens, vom Schimmer einer eben anbrechenden neuen Zeit aus auf das noch ziemlich heidnische, raue Wikingervolk. Zugleich ist er ein innerlich Ruheloser, den es über die Grenzen des Herkömmlichen hinaustreibt. Er spricht, wie Gerutha betroffen erkennt, «mit erregender Freizügigkeit, leicht und mühelos, mit faszinierend wechselnden Tempi», darin erkennbares Ebenbild des Autors. Unter dem Hammer Gerutha lebt als Königin und Ehefrau in wohlsituierter Leibeigenschaft «unter dem Hammer» männlicher Verfügungsgewalt; ihre Verheiratung mit dem als «unsubtil» bemängelten Gatten war ein widerborstiges Nachgeben gegenüber dem väterlichen Willen. Nur zögernd öffnet sie sich dem subtilen, dubiosen und (nach alter Vorstellung) inzestuösen Begehren des Schwagers. Der Bruder des eigenen Mannes «beschäftigt einen, er stellt eine andere Version des Ehemannes dar eine andere Besetzung der Rolle, durch ein nochmaliges Fallen der Würfel» (Bühnenmetaphorik ist in diesem Hamlet- Roman allgegenwärtig; sein Rückgrat sind die grossen dialogischen Szenen). Und der Schwager versteht sich viel besser aufs Schenken als der Gatte. Die drei Werbungsgaben, mit denen er sich, nach einem langen freiwilligen Exil, der im reiferen Frauenalter stehenden Königin nähert, sind feinstes byzantinisches Kunsthandwerk: ein Cloisonné-Anhänger mit einer Pfauendarstellung, ein Silberkelch mit Vögeln, Trauben und Chimären und schliesslich ein Unterkleid in schillernden Pfauenfarben lauter Einladungen in den erotischen Paradiesgarten, rituell verteilt auf Vorfrühling, Frühling und Frühsommer. Er legt ihr das Geschmeide um, trinkt mit ihr aus dem Kelch und bekleidet sie «mit dem Kostüm einer mittelmeerischen Buhle», um sie danach zu entkleiden. Der gewitzte Updike-Leser erkennt an der Art, wie sie die Ärmel aus changierender Seide ausbreitet, als wären es die Schwingen eines exotischen Vogels, eine versteckte Huldigung an den einstigen Mentor Nabokov: Genauso hat Lolita an jenem verzauberten ersten Abend den textilen Köder aus Humberts magischem Koffer entfaltet. Die Abfolge der Annäherungen enthält auch sonst manche Ironien; so die Chimären im Paradies, die Dirnenmetaphorik und den verdeckten Hinweis auf den vergifteten Kelch in Shakespeares Finale. Darüber hinaus haben die Gaben der Verführung ebenso wie der den Jahreszeitenzyklus fortsetzende spätherbstliche Brudermord, der aus ihnen resultiert, ihren materiellen Ursprung in Byzanz. Als der König nach Entdeckung des undänischen amour fou gegen die Liebenden und ihren kupplerischen Helfer Corambis/Polonius Böses im Sinn hat (es ist die Rede von Folter und Vierteilung des Haushofmeisters) und somit seine Tötung zu einem Akt der Notwehr wird, holt der Ehebrecher aus einer Truhe mit alten Reiseandenken ein Jadekruzifix, das neben der generellen eine sehr spezielle Symbolik von Tod und Auferstehung besitzt. Die kostbare Gabe, die ihm einst eine byzantinische Geliebte für Notfälle zugesteckt hat, birgt in ihrem hohlen Arm eine Phiole mit einer besonders raffinierten Giftmischung für äusserliche Anwendung. In das Ohr des schlafenden Bruders geträufelt, zeitigt sie die volle shakespearesche Wirkung, grässlichen Hautausschlag und alsbaldigen Tod; offizielle Todesursache: ein Schlangenbiss während der Mittagsruhe. Die postume Diagnose der königlichen Ehekrise durch den Geist des alten Hamlet bei Shakespeare («So Lust, gepaart mit einem lichten Engel, / Wird dennoch eines Götterbettes satt / Und hascht nach Wegwurf») hat Updikes romanhafte Dekonstruktion dreist in ihr Gegenteil verkehrt. Doch die intime Verbindung von Ehebruch und Brudermord markiert er auf seine Art nicht weniger krass als der Dramatiker: Die haarumsäumte Öffnung des Bruderohres, die das exotische Gift gierig zu trinken scheint, «wächsernes Loch im Mittelpunkt des Universums», erinnert unübersehbar an den Schoss der Geliebten. Der Schlussteil des Romans, der der Auftaktphase der Tragödie entspricht, erscheint auf ominöse Weise verkürzt. Gertrude, in das Mordkomplott nicht eingeweiht, wird ihres nunmehr legalisierten Liebesglücks nicht froh. Ihre zweite Hochzeit war, wie die erste, eine winterliche. Sie ahnt schnell, dass ihr einst so romantischer Liebhaber, von den Interessen seines neuen Herrschertums absorbiert, dem «Hammer» ähnlich werden wird. Der nicht mehr ganz junge Hamlet wirkt unausgeschlafen; was mag er des Nachts treiben «bis zum Morgenrot bei Ophelia»? Sie spürt, wie das Phantom des toten Gatten sie umschleicht. Doch Claudius fühlt sich fest im Sattel und ist guter Dinge. Das Ganze endet mit den Worten: «Er war davongekommen. Alles würde gut werden.» Für seinen Ausflug in entlegene Zeiten und Örtlichkeiten des alten Europa hat Updike sichtlich recherchiert. Das gilt für das Ambiente seiner dänischen Recken und mehr noch für die Welt der byzantinisch- lateinischen Kultur, die geheime Sehnsüchte in der Königin weckt. Dieser Bereich ist nicht nur durch die byzantinischen Liebesgaben höchst ambivalent besetzt, sondern auch durch das tendenziell ehebrecherische Konzept der höfischen Liebe, die zuerst durch die Lektüre versifizierter Ritterromane und danach auf handfestere Weise im rauen Dänemark Fuss fasst, um die amors de lonh, die Anbetung auf Distanz, durch die verbotene Lust eines heimlichen Liebesnestes zu ersetzen. Altprovenzalische Zitate, altfranzösische Kleidungsstücke wie Houppelande, Bliaut, Guimpe und Cotte und nicht zuletzt die Termini der Falknerei die Abrichtung des Jagdfalken als Symbol für die «Zähmung» des Geliebten suggerieren die nötige Authentizität. ANACHRONISMEN In die Handlung, vage zwischen Hochmittelalter und dem Fall von Byzanz angesiedelt, sind mit leichter Hand eine Reihe von Anachronismen eingestreut, wie sie auf der Shakespearebühne gang und gäbe waren. Jung-Hamlet etwa verdirbt sich an der (noch nicht existenten) Universität Wittenberg den Geschmack am Leben durch deutsche Philosophie man darf an Schopenhauer und Nietzsche denken; Kreuzfahrer schleppen aus dem Orient die Lustseuche ein, die doch auf ihren Auftritt noch bis zur Entdeckung Amerikas warten musste; Geruthas Gemahl wird mehrfach als blonde Bestie apostrophiert. Auf der gleichen Ebene einer stets lauernden Erzählironie liegen zahlreiche halb versteckte Vorverweise auf Shakespeares Drama, wie ein früher Blick auf den Kirchhof von Helsingör, wo sich «die Jungfrau mit dem Irren» vermischt, oder auf die «verrückten» Streiche, die der Knabe Hamlet mit dem Hanswurst Yorick vollführt. Maria Carlsson, erprobte Übersetzerin Updikes, die das vertrackte Spezialvokabular der Erzählung mühelos meistert, lässt es hier am nötigen Spürsinn fehlen, wenn sie aus der Jungfrau eine Magd und aus den zukunftsträchtigen Verrücktheiten einfachen Schabernack macht. Auch sonst, so flüssig sich ihre Übertragung auf den ersten Blick liest, bleibt sie den stilistischen Finessen ihres Autors manches schuldig. Sie tut dies einmal, indem sie gelegentlich kräftige Stilfarben ausdünnt, zum anderen, indem sie den höchst prägnanten Stil der Vorlage aufweicht. Eine grassierende Unsitte ist dabei die Wiedergabe eines Begriffs durch verbale Doppelung. So wird aus einem killer ein «Räuber und Mörder», aus sodden «stumpf und schwammig» und aus quirks «das Grillenhafte, Wetterwendische». Vollends fatal wirkt der Hang der Übersetzerin zur syntaktischen Aufpolsterung einer beispielhaft schlanken, geschmeidigen Prosa: «He was all answer» heisst dann «Er wusste jegliche Antwort, kannte keine Frage», und «perceived wrongs and conceived gains» wälzt sich daher als «vermeintlich erlittenes Unrecht und für möglich gehaltene materielle Verbesserungen». Auch, und gerade, bei seinem 51. Werk hat Updike solche Verballhornung nicht verdient.
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