Gertrud Chodziesner, die sich als Autorin gern Gertrud Kolmar nannte, gehört wahrscheinlich zu den bedeutendsten deutsch-jüdischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit des Dritten Reiches wurde das allerdings kaum gewürdigt, die in jener Zeit das Sagen hatten, haben sie 1938 zum Verstummen gebracht, als der Jüdische Verlag seine Tätigkeit einstellen musste, sie 1941 zu Zwangsarbeit verpflichtet und schließlich 1943 nach Auschwitz transportiert und dort ins Gas geschickt wie Millionen andere auch.
Ihr Werk hat jedoch überlebt und wurde wiederentdeckt, nach 1945 wurden von ihr mehr Texte veröffentlicht als zu ihren Lebzeiten. Dennoch blieb sie lange so etwas wie ein Insider-Tipp, bis es Mitte der 1990er Jahre (um ihren 100. Geburtstag herum) zu zahlreichen Publikationen über sie kam. Die vielleicht wichtigste davon ist dieses Buch von Johanna Woltmann, die sich zuvor schon lange Jahre mit Gertrud Kolmar beschäftigt hatte und in diesem Zusammenhang mit überlebenden Verwandten und Zeitzeugen sprechen oder korrespondieren konnte.
Nicht zuletzt deshalb ist dies wohl die bislang umfassendste Arbeit zu Kolmars Leben und Werk, wobei die Darstellung in erster Linie biografisch angelegt ist, jedoch immer wieder ihr Werk zitiert und kommentiert. Im Anhang finden sich neben Anmerkungen und Bibliografie auch einige Dokumente zu Gertrud Kolmars Biografie, darunter das rückblickende Portrait »Meine Schwester Gertrud« von Hilde Wenzel.
Woltmanns Arbeit, die 1994 auch als Dissertation angenommen wurde, enthält somit nahezu alles, was sich über Gertrud Kolmar - abgesehen von spezifischen Detailstudien - sagen lässt. Das einzige, was mich mitunter störte, sind Woltmanns Versuche, ab und zu noch etwas mehr als das zu sagen: da Gertrud Kolmar als Mensch und als Schriftstellerin weitgehend für sich blieb, ist die Überlieferung für manche Phasen und Ereignisse dünn und brüchig. Diese Leerstellen kann man wie Woltmann zwar mit Annahmen und Wahrscheinlichkeiten füllen - man könnte sie aber auch schlicht benennen und stehen lassen, was mir mitunter besser gefiele...