Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Gertrud Kolmar wählte als Einstieg in ihr Gedicht "Die Jüdin" von 1936 den kurzen Satz "Ich bin fremd." Und fremd war sie sicherlich - in der damaligen Zeit, in der damaligen Welt. Diese Fremdheit begründete sich wohl zum einen in Kolmars zurückhaltendem und ruhigem Wesen, in ihrer außergewöhnlichen Begabung zum Dichten, die sie stets bescheiden im Hintergrund hielt und zum anderen in ihrer Existenz als Tochter jüdischer Eltern in einer Zeit, in der der Antisemitismus immer mehr an Boden gewann - bis zur finalen Katastrophe.
Zum Leben der Schriftstellerin: Gertrud Chodziesner wurde am 10. Dezember 1894 in Berlin als Tochter des Staranwalts Ludwig Chodziesner und seiner Frau Elise, geb. Schoenflies geboren. Sie wuchs mit drei anderen Geschwistern in Charlottenburg heran. Die Familie Chodziesner war wohlhabend und pflegte ein assimiliertes Judentum - sie machten sich also nicht so viel aus der jüdischen Religion und deren Traditionen. Gertrud Chodziesner besuchte in ihrer Jugend eine Haus- und landwirtschaftliche Schule, den sogenannten "Arvedshof". Während des ersten Weltkriegs wurde sie schwanger, trieb aber auf Wunsch ihrer Eltern das Kind ab. In den zwanziger Jahren arbeitete sie zeitweise als Erzieherin (Sprachlehrerin), Briefzensorin und anschließend als Anwaltsgehilfin in der Kanzlei ihres Vaters. In dieser Zeit begann sie auch zu dichten. In ihren Gedichten setzte sich Gertrud Chodziesner bzw. Kolmar wie ihr Pseudonym lautete (nach dem Herkunftsort ihrer Familie in der Region um Posen im heutigen Polen - polnisch: Chodziez, deutsch: Kolmar) sowohl mit der Natur, mit Tieren und Landwirtschaft als auch mit ihrem Leben als Jüdin, mit ihrem imaginären Kind und sogar mit dem NS-Terror auseinander. Gertrud Kolmars Mutter starb 1930, ihre Geschwister emigrierten Ende der Dreißiger Jahre mit deren Familien in die Schweiz, nach Chile und sogar nach Australien. Nur Gertrud, die selber nie heiratete geschweige denn Kinder hatte blieb bei ihrem alten Vater, der sich standhaft weigerte Deutschland zu verlassen. So waren die beiden früher oder später gezwungen ihr Anwesen in Finkenkrug, Osthavelland, aufzugeben und wieder nach Berlin (Schöneberg) zu ziehen. Schon bald wurde das Wohngebäude als "Judenhaus" deklariert, Untermieter mitinbegriffen und auch die Chodziesners waren als "Reichsfeinde" immer härteren Repressalien seitens der Regierung ausgesetzt. Anfang der Vierziger Jahre wurde Gertrud Kolmar zur Zwangsarbeit in einer Kartonagenfabrik verpflichtet. Ludwig Chodziesner, der schon in der Reichspogromnacht von 1938 die Gewalt der neuen Machthaber zu spüren bekam, wurde 1942 ins KZ Theresienstadt verschleppt. Gertrud Kolmar wurde infolge einer "Fabrikaktion" im Jahre 1943 am Arbeitsplatz verhaftet und sofort nach Auschwitz deportiert. Weder ihr Vater noch sie selbst haben die Shoa überlebt - ihr genaues Schicksal ist unbekannt. Ihre schriftlichen Hinterlassenschaften, ihre Gedichte und Dramen konnten von ihrer Schwester in der Schweiz und Hilde Benjamin, einer entfernten Verwandten und nachmaligen Justizministerin der DDR gerettet werden. Heutzutage wird Gertrud Kolmar neben Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko als wortgewaltigste und bekannteste Lyrikerin deutschen Sprachraums im 20. Jahrhundert genannt.
Zur Biographie "Gertrud Kolmar - Leben und Werk, Zeit und Tod" von Dieter Kühn: Wahrhaftig ist Dieter Kühns Biographie von Gertrud Kolmar eine der besten Biographien die ich jemals gelesen habe. Diese Biographie weist in der Tat alle Punkte auf die der Titel verspricht. Durch die vielen originalen Briefe, Augenzeugenberichte, Gedichte und auch fiktiven Briefe der Familienmitglieder gewinnt das Leben Gertrud Kolmars und ihrer Familie zusätzlich an Plastizität. In diesem Kontext dargestellt ergibt sich zum einen ein stimmungsreiches Bildnis der deutschen Geschichte und Literatur von der wilhelminischen Ära bis ins Dritte Reich, zum anderen das einfühlsame Porträt einer preußischen Familie jüdischen Schicksals, deren berühmteste Vertreterin durch ihr großartiges Werk und ihr tragisches Lebensende die deutsche Literaturszene nachhaltig beeinflußt und bewegt.